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Diskriminierung Antisemitismus-Verdacht im Jobcenter

Ein Syrer erhebt schwere Vorwürfe gegen Mitarbeiter des Jobcenters West im Frankfurter Stadtteil Bockenheim. Diese sollen ihn antisemitisch beleidigt haben. Die Leitung will die Vorfälle untersuchen.

Aron Abraham
Aron Abraham im Gespräch mit einem Redakteur der FR. Foto: Rolf Oeser

Seinen Namen offen aussprechen zu können, ist für Aron Abraham von unschätzbarem Wert. In Nordsyrien, wo er geboren wurde und den größten Teil seines Lebens verbracht hat, konnte er diesen nicht aussprechen. Dort lautete sein offizieller Name Sherazad Mohammad. Der Vorname kurdisch, der Nachname arabisch. Nichts deutet auf die Herkunft der Familie hin: Die nämlich ist jüdisch. „Und ich hätte nicht gedacht, dass mir das auch in Deutschland Probleme machen könnte“, sagt Abraham.

Der 37-Jährige wirft zwei Mitarbeitern des Jobcenters West in Frankfurt-Bockenheim vor, ihn antisemitisch beleidigt zu haben. So soll ein Sachbearbeiter im Sommer 2017 seinen Wunsch nach einer festen Arbeitsstelle mit dem Ausspruch „Arbeit macht frei“ kommentiert haben – die Toraufschrift mehrerer nationalsozialistischer Vernichtungslager. 

Bei einem weiteren Vorfall im Juni dieses Jahres soll ein anderer Mitarbeiter auf eine Beschwerde Abrahams mit den Worten „Haben wir jetzt einen neuen jüdischen Aufstand?“ reagiert haben. Zu den Ausfällen der Jobcenter-Mitarbeiter sei es jeweils gekommen, nachdem er seinen – inzwischen auch standesamtlich geänderten Namen – erwähnt und erläutert habe, erklärt Abraham. 

Beim ersten Vorfall im Juli 2017 habe er beim Jobcenter Wohngeld beantragen wollen. Dieses sei ihm jedoch vom Sachbearbeiter nicht in voller Höhe genehmigt worden. Als Begründung habe dieser angeführt, dass der Hauptmieter der Wohnung, in die er als Untermieter eingezogen ist, Türke sei. „Türken sind Gauner und Betrüger“, soll der Sachbearbeiter gesagt und unterstellt haben, Abraham mache mit seinem Vermieter gemeinsame Sache, um unrechtmäßig Leistungen zu kassieren. 

„Daraufhin habe ich ihm erklärt, dass ich gar nicht Türke bin. Und eigentlich Aron Abraham heiße.“ Bei einem weiteren Gespräch, bei dem er darauf hingewiesen habe, dass er beabsichtige, möglichst bald eine Arbeit aufzunehmen, sei dann der „Arbeit macht frei“-Spruch gefallen. 

Abrahams Lebensgeschichte klingt abenteuerlich. Ende Mai 2015 kam er nach Deutschland. Sein Heimatdorf in der Nähe der nordsyrischen Stadt Al Hasaka wurde zu diesem Zeitpunkt vom IS bedrängt. Ihn selbst habe die islamistische Terrormiliz aufgrund seiner Sprachkenntnisse in ihren Dienst pressen wollen, berichtet Abraham. Daraufhin sei er über die Türkei und die Balkanroute nach Deutschland geflohen. Seine gesamte Familie sei noch während seiner Flucht umgekommen.

Abraham gibt an, dass seine Familie zu den wenigen verbliebenen Angehörigen der Minderheit der jüdischen Kurden gehörte. Infolge von Arabisierungkampagnen der syrischen Regierung sei seine Familie gezwungen gewesen, ihren Nachnamen zu ändern. Erst nach dem Abitur habe er von seinem Vater seinen „echten“ Vornamen erfahren.

Wirklich überprüfen lässt sich die Flucht- und Lebensgeschichte Abrahams nicht. Doch sein Asylgesuch wird anerkannt. Seinen Vor- und Nachnamen hat er im Frühling dieses Jahres ändern lassen. Er besucht regelmäßig Gottesdienste in der Synagoge des Budge-Heims in Seckbach. Seit März hat Abraham auch eine Anstellung. Doch das sorgt für neuen Ärger mit dem Jobcenter. Denn das zahlt die Leistungen einfach weiter. Als er am 19. Juni deshalb erneut in Bockenheim vorstellig wurde, soll am Empfangsbereich der Spruch mit dem „jüdischen Aufstand“ gefallen sein. 

„Das sind Anfeindungen massivster Art“, sagt Bianka Huber von der IG-Metall-Beratungsstelle für Geflüchtete. „Wir sind bislang davon ausgegangen, dass es gerade in Frankfurt für das Thema eine besondere Sensibilität gibt.“ Derartige Fälle seien der Gewerkschaft aus dem Jobcenter nicht bekannt gewesen.

Beim Jobcenter Frankfurt zeigt man sich bestürzt über die Vorwürfe. „Die geschilderten Aussagen sind erschütternd und werden im Jobcenter Frankfurt weder von Kunden noch von Mitarbeitern oder Führungskräften geduldet“, heißt es in einer Stellungnahme. Mit den beiden betroffenen Mitarbeitern würden Personalgespräche geführt. Sollte sich der Verdacht bestätigen, würden „personalrechtliche Konsequenzen“ gezogen. Der Umgang mit Aron Abraham stünde dem Selbstverständnis des Jobcenters entgegen.

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