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Chabad Zwei Häuser zum Bleiben

Im Frankfurter Westend entsteht ein neues jüdisches Gemeindezentrum. Die orthodoxe Gruppierung Chabad geht künftig eigene Wege ohne die Hauptgemeinde - zumindest fürs Erste.

Neues Gemeindezentrum
Dies wird der Schlaf- und Wohnraum für vier bis fünf Thora-Schüler. Foto: peter-juelich.com

Vor fast 32 Jahren sprach Salomon Korn einen Satz aus, der seitdem unzählige Male zitiert wurde: „Wer ein Haus baut, will bleiben …“, erklärte der Architekt und spätere Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am 14. September 1986. Der Anlass war ein Festakt und das Haus, von dem Korn sprach, das neu errichtete jüdische Gemeindezentrum in der Savignystraße. Ein sichtbares Zeichen, dass die „Zeit der gepackten Koffer“ für die nach 1945 in Deutschland verbliebenen Juden vorbei war. Ein Haus zum Bleiben.

Rund 7000 Mitglieder zählt die Frankfurter Gemeinde, deren kulturelles und religiöses Leben vor allem in eben jenem Gemeindezentrum und in der Westend-Synagoge stattfindet. Zwei Gebäude, zahlreiche verschiedene Strömungen, aber „ein Haus“ für alle. So lautete das Selbstverständnis der jüdischen Gemeinde. Doch nun arbeitet zumindest ein kleiner Teil der Gläubigen an einem eigenen Haus - man könnte auch sagen: an einer eigenen Gemeinde.

„Kommen Sie rein, kommen Sie rein!“ Zalman Gurevitch winkt die Besucher in den Altbau am Reuterweg, wie ein Fluglotse mit Kippa, leicht angegrautem Vollbart und üppigen Koteletten. Der Rabbiner füllt mit seinem Körper einen Großteil des Türrahmens aus. Ein Reporter der Frankfurter Rundschau hat ihn einmal als „koschere Version von Bud Spencer“ beschrieben. Optisch ist das nicht ganz von der Hand zu weisen. Doch dem Geistlichen geht das Grummelige, das Bud Spencer in all seinen Filmen immer auszeichnete, völlig ab. Zalman Gurevitch wirkt leicht gestresst und bestens gelaunt.

„Das wird einmal der Gebetsraum“, sagt Gurevitch. Der Rabbiner steht inmitten eines leergeräumten ehemaligen Büros im Erdgeschoss. Der graue Boden ist zugestaubt und mit Putzbröckchen übersät. Einige Türen sind samt Rahmen herausgerissen worden. „Diese Wand“, sagt Gurevitch und zeigt in Richtung eines Durchbruchs, der in ein Zimmer führt, das zum Hinterhof hinausgeht, „hat uns Ärger gemacht. Da musste der Statiker viel machen.“

In knapp fünf Wochen, wenn Schawuot ansteht, eine Art jüdisches Erntedank-Fest,  soll der Gebetsraum fertig sein. Eine Bima, ein Lesepult für die Rezitation der Thora, steht schon bereit, ebenso mehrere Schränke. In der Garage im Hinterhof lagern kistenweise Matzen - ungesäuertes Brot - und ein sperriger, aus Israel importierter Ofen, der auch am Schabbat verwendet werden kann, ohne gegen die Feiertagsvorschriften zu verstoßen. Der Keller ist vollgestellt mit unausgepackten Bücherkisten. Alles im neuen Gemeindezentrum im Reuterweg sieht nach Einzug aus. Doch der ist gleichzeitig auch ein Auszug.

„Wir haben vor etwa einem Jahr gesagt, das machen wir. In einem Jahr haben wir das alles geschafft“, sagt Gurevitch stolz mit einem Fünkchen Erstaunen. Wenn der Rabbiner von „wir“ spricht, dann meint er die Strömung innerhalb der jüdischen Gemeinde, der er und seine künftigen Gemeindemitglieder anhängen: Chabad Lubawitsch.

Dass Gurevitch selbst dem orthodoxen Judentum zuzurechnen ist, sieht man schon allein an seiner Kleidung. Weißes Hemd, schwarze Hose. Sakko und Hut, beide ebenfalls schwarz, hängen an diesem Tag im Büro. Innerhalb der Orthodoxie gehört Chabad zu den wohl umtriebigsten und bekanntesten Gruppierungen. Ihre Anhänger betonen die Bedeutung des Schriftstudiums und des Gebets und sind darum bemüht, ihre Lehre auch weniger religiösen Juden nahezubringen. „Unser Anliegen ist es, das Judentum attraktiv zu machen“, sagt Gurevitch, „aber keine Mission. Was die Leute damit machen, ist eine Sache zwischen ihnen und Gott.“

In Frankfurt hat Chabad seit 1990 eine Niederlassung - seit Gurevitch, der in Paris aufgewachsen ist, nach dem Studium in New York mit seiner Frau nach Frankfurt zog. 27 Jahre lang konnte die Gruppierung für all ihre Aktivitäten die Räume der Gemeinde nutzen, war bei allen Feierlichkeiten präsent - bis März letzten Jahres, als die Gemeinde die Zusammenarbeit aufkündigte. „Grundsätzlich wünschen wir Chabad alles Gute“, erklärt Jennifer Marställer, Direktorin der Frankfurter Gemeinde. Ein Wunsch, der zugleich wie ein unterkühlter Abschiedsgruß klingt.

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