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Bunker in Frankfurt Führungen durch den Griesheimer Bunker

Sascha Mahl führt Gruppen mit Taschenlampe durch den Bunker im Frankfurter Stadtteil Griesheim. Das Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg wurde 1941 innerhalb eines halben Jahres von Zwangsarbeitern errichtet.

Bunker in Frankfurt
Stadtführer Sascha Mahl (vorne) führt Gruppen durch den Hochbunker am Gemeindegarten (hinten). Foto: Michael Schick

Ohne die rund fünfzehn Taschenlampen der Führungsteilnehmer wäre es im leeren Griesheimer Luftschutzbunker stockdunkel. Lediglich ein Raum hat derzeit Licht, dort werden ein paar Quadratmeter als Lagerfläche vermietet. Stadtführer Sascha Mahl bietet Führungen durch das imposante Relikt des Zweiten Weltkriegs. Ein Jahr lang hat er den Schlüssel für das Gebäude und möchte so vielen Menschen wie möglich einen Einblick in Griesheims Vergangenheit ermöglichen.

Das Architektenehepaar Till und Dorothée Kuhlmann hat dem Land Hessen den Bunker vor ein paar Jahren abgekauft, berichtet der nebenberufliche Stadtführer. 2019 wollen sie den ganzen Bunker als Lagerhaus herrichten. Ursprünglich wollte das Ehepaar den Bunker als Wohnhaus ausbauen. Schnell haben sie aber gemerkt: Allein Fenster in die 2,5 Meter dicken Wände zu bauen, ist viel zu teuer. Um trotzdem Wohnraum zu schaffen, haben die Architekten acht zweistöckige Wohnungen aufs Dach gebaut. Kosten: 1200 bis 1500 Euro Kaltmiete.

Ein ungewöhnliches Wohnerlebnis bieten sie allemal, besonders in Anbetracht der bewegten Geschichte des Gebäudes. Für die Führungen recherchierte Mahl in Archiven der Stadt und sprach mit Griesheimer Zeitzeugen. „Ich habe mich gut sechs Monate auf diese Führungen vorbereitet.“

Er fand heraus, dass die Luftschutzanlage 1941, innerhalb von nur einem halben Jahr, gebaut wurde. „Die Nazis haben alle Luftschutzbunker enorm schnell von Zwangsarbeitern bauen lassen“, berichtet Mahl. Der Luftkrieg über Frankfurt zog sich bis zur Kapitulation 1945 hin.

Griesheim sei der am drittstärksten betroffene Stadtteil Frankfurts gewesen, so Mahl. „Die meisten Bomber kamen von Nordwesten aus Großbritannien — Griesheim war da eines der ersten Ziele.“ Dazu kommt, dass ganz in der Nähe die Chemiefabrik angesiedelt war, ein strategisches Ziel der Alliierten. „68 Griesheimer sind während des Kriegs gestorben“, berichtet Mahl. Die anderen überlebten – auch dank des Bunkers.

In seiner Führung versucht Mahl das Gefühl, dass die Angriffe bei den Menschen ausgelöst haben müssen nachzuvollziehen. „Man muss sich vorstellen wie bei jedem Alarm der ganze Stadtteil durch die wenigen Eingänge des Bunkers stürmte und dann stundenlang auf kargen Holzbänken, bei grellem Neonlicht ausharren musste“, beschreibt er. So wie es auch den Engländern unter deutschem Bombardement ergangen ist. Am Eingang des Griesheimer Bunkers findet sich deshalb die Mahnung: „Hier ist Ruhe und Selbstbeherrschung die erste Pflicht.“

Dem elfjährigen Nico, der gemeinsam mit seiner Mutter an der Führung teilnimmt, wird dabei schon mulmig: „Ich finde es gruselig hier drinnen“, sagt er. Der heute 67-jährige Arnold Meier kann sich indes noch erinnern, wie er und seine Freunde als Jugendliche in verlassene Bunker kletterten. „Für uns war das eine Mutprobe“, berichtet er. Zu dieser Zeit, Anfang der 60er Jahre, stand das Bauwerk leer. Zuvor hatte die Stadt in den 1950ern Exponate des Historischen Museums sowie Teile der Sammlung der Deutschen Nationalbibliothek im Bunker gelagert. Später wurde der Bunker als Lagerraum für Privatleute genutzt. In den 70er Jahren wurde die Luftschutzanlage erneut aufgerüstet und mit moderner Elektrik ausgestattet. Damals, in der Hochphase des Kalten Krieges, fürchtete die Bundesregierung einen atomaren Angriff der Sowjetunion.

Nach Ende des Kalten Krieges, wurde der Griesheimer Bunker dann jedoch wie viele ehemalige Luftschutzanlagen an Privatleute verkauft. „Es ist eine tolle Möglichkeit, dass ich die Geschichte des Gebäudes nun noch einmal der Stadtgemeinschaft näherbringen darf“, sagt Mahl zum Ende seiner Führung. „Der Bunker ist das Relikt eines Krieges, der in unserem Land noch gar nicht lange her ist. Das sollten wir im Kopf behalten wenn wir sehen, wie viele Menschen vor so etwas derzeit fliehen.“

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