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Bockenheim Treffpunkt der Ästhetik

Marina Grützmacher stellt im Kunstraum Bernusstraße Skulpturen und Malerei aus. Sie hat keinen kunsthistorischen Hintergrund, sondern zeigt, was sie schön findet.

Marina Grützmacher
Marina Grützmacher hat viele Skulpturen gesammelt, die sie ausstellt und verkauft. Foto: Rolf Oeser

Wenn Menschen zu Marina Grützmacher sagen, dass sie von Kunst nichts verstehen, antwortet sie: „Man muss davon nichts verstehen. Entweder es gefällt, oder es gefällt nicht.“ Das ist die Herangehensweise der 76-Jährigen in ihrem Kunstraum Bernusstraße, den sie seit zwölf Jahren führt. Reinkommen, anschauen, für sich selbst entscheiden, ob das Gesehene ästhetisch ist. „Ich habe selbst nur Freude an der Kunst und stelle aus, was ich schön finde“, sagt sie. Das sei der Luxus, in ihrem Alter, in dem man sich ausschließlich dem widmen könne, was einem selbst zusagt.

Grützmacher kommt nicht aus der Kunstszene. Sie war nie Malerin, Bildhauerin, Zeichnerin. Sie hat als Fremdsprachensekretärin gearbeitet, in Wien, Zürich, Hamburg, München und Walldorf gelebt und kam mit ihrem Mann und den beiden Kindern vor 40 Jahren nach Frankfurt. Sie hat in der Kanzlei ihres Mannes gearbeitet, zehn Jahre lang den Kinderbuchladen „Eselsohr“ Am Weingarten geführt und aus Interesse als Gasthörerin Kunsthistorik-Vorlesungen besucht. Sie sagt, sie wählt nach Ästhetik aus, nach Beziehungen, einige Freunde sind Künstler. „Für das Professionelle, wie etwa Begleittexte und Führungen, habe ich ein großes Netzwerk an Kunstkennern.“ Sie genießt die Freiheit, die sie hat.

1989 zog die Kanzlei ihres Mannes aus der Villa in der Bernusstraße 18 aus und Rene Reichard mit Galerie ein. Grützmacher hat jahrelang zu- und abgeschaut und viel gelernt, und 2006 mit Friedrich Karsten aus Mannheim den Kunstraum eröffnet. Rund sechs Ausstellungen zeigt sie im Jahr auf zwei Ebenen, dazu kommt eine umfassende Skulpturensammlung im Keller. Ihr Mann hat dafür extra Nischen in der weiß getünchten Wand geschaffen, damit die Figuren von Andernach, Steinbrenner, Tittmann oder Pratschke besonders zur Geltung kommen. In einem Raum steht auch ein Bücherregal voller Kunstliteratur, dazwischen ein Fernseher. „Ich zeige hier Filme zu den ausstellenden Künstlern“, sagt Grützmacher.

Einige Künstler kommen aus Frankfurt, viele aber auch aus Ostdeutschland. Grützmacher ist eine Nachfahrin des Komponisten Carl Maria von Weber, der zuletzt in Dresden arbeitete. Über ihre Familie hat sie Zugang zu Ostdeutschland. „Das ist bereichernd“, sagt sie.

Die Künstler, die weiter entfernt wohnen, ziehen für Auf- und Abbau und einige Veranstaltungen bei Grützmacher ein, die selbst auf dem Gelände lebt. Aktuell stellt Julia Steinberg aus. Die beiden Ebenen sind voller bunter Farbe. Vor allem Boote, Seerosen und Portraits malt Steinberg. Allesamt abstrakt, und doch gut erkennbar. Grützmachers Weggefährte Karsten führt heute Abend durch die Schau.

Für Grützmacher bedeutet der Kunstraum mehr als eine reine Galerie zu sein. Sie will keinen Ort bieten, der nur dem Kunsthandel dient. Alle sollen sich wohlfühlen. Die Kunstinteressierten kommen gezielt, aber häufig lässt Grützmacher die Tür sonntags offen, dann kommen auch Nachbarn neugierig und fragen, ob sie mal schauen dürfen. „Es ist kein Vorbeiflanieren wie auf der Braugasse oder Fährgasse“, sagt sie, „aber das hat auch Vorteile.“ Die Gefahr, dass Kunstwerke beschädigt oder gestohlen werden, sei bei ihr eher gering. Die Leute kämen eher zum Plaudern und Abschalten in ihre Räume.

„Bockenheim hat eine eigene Atmosphäre“, sagt sie. „Wir haben uns hier gleich wohlgefühlt.“ Die Anwohner seien kultiviert und interessant, auch deshalb will sie mit ihrem Kunstraum einen Treffpunkt bieten. Hin und wieder stellt sie Vereinen die Räume kostenlos zur Verfügung, für Konzerte, Diskussionsrunden, Vorträge. „Davon profitiere auch ich, weil neue Besucher kommen“, sagt sie. Manchmal lädt die mehrfache Großmutter auch Schulklassen ein.

Der Kunstraum Bernusstraße hat donnerstags von 14.30 bis 21 Uhr, freitags bis 18.30 Uhr und samstags von 11 bis 14 Uhr geöffnet, oder nach Rücksprache unter Telefon 97 78 36 56.

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