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Bockenheim Azubis betreiben Café

In der Produktionsschule arbeiten junge Erwachsene selbstbestimmt.

Friesengasse.
Eigenständig aktiv: Asena Dilara, Saber Sharifi und Julian Rabia (von links) im frisch renovierten Café in der Friesengasse. Foto: Christoph Boeckheler

Im Eingangsbereich des Seniorenwohnheims in der Friesengasse duftet es nach frischem Kaffee, die italienische Espressomaschine surrt. Hinter der nagelneuen Theke der „Fitness Lounge“ lacht Asena Dilara, während sie zwei ältere Gäste bedient. Aus der Küche bringt Joel Gemeroth einen frisch gebackenen Kuchen herein. 

Die beiden jungen Erwachsenen arbeiten und lernen in der Produktionsschule des Zentrums für Weiterbildung. Sie betreiben, gemeinsam mit 13 weiteren 15- bis 27-Jährigen, eigenständig das Café, das offen für alle Gäste ist. Gerade erst wurde der Betrieb, den es seit 2012 gibt, renoviert. „Endlich wurden die Küchenutensilien repariert, das Café ist jetzt viel offener gestaltet“, sagt Tanja Koschinsky, die Leiterin der Produktionsschule. Die Eröffnung des neuen Raums wird am 22. August gefeiert. 

Für die jungen Erwachsenen ist die Schule eine Berufsqualifizierung. Drei Jahre können sie dort lernen um danach die zentrale Ausbildungsprüfung zur Gastronomiefachkraft abzulegen. „Jeder kann in der Produktionsschule eine Berufsausbildung absolvieren – auch Schulabbrecher oder neu in Deutschland angekommene Jugendliche“, erklärt Koschinsky. 

Joel Gemeroth gehört zu ihnen. Für den 23-jährigen, der schon vor Beginn seiner Ausbildung in der Gastronomie gearbeitet hat, ist die Produktionsschule eine Alternative zur Berufsschule. „Ich komme mit dem normalen Schulalltag nicht so gut klar“, sagt er. In der Produktionsschule werde der Stoff immer mit Bezug zur Praxis vermittelt. „Das gefällt mir einfach besser“, so der 23-Jährige. In dieser Woche ist Gemeroth in der Küche eingeteilt. „Heute haben wir ein Cateringauftrag vorbereitet und Essen für einen gemeinsamen Grillabend der Schule gemacht.“

Die jungen Erwachsenen rotierten wöchentlich zwischen Café, Küchen-, und Reinigungsdiensten, erklärt Tanja Koschinsky. Am Vormittag gibt es für alle eine Art theoretischen Unterricht. „Wir versuchen den gesamten Stoff immer so plastisch wie möglich zu vermitteln.“ Dazu verfolgt die Produktionsschule einen sozialpädagogischen Ansatz. „Die Jugendlichen, die zu uns kommen, haben meistens einen Haufen Problem — ob das nun Kriminalität, Drogen, Schulden oder familiäre Umstände sind“, sagt Koschinsky. „Wir wollen ihr Potenzial fördern und ihnen so viel Stabilität wie möglich bieten.“ Die Jugendlichen sollten merken, dass sich wirklich jemand für sie interessiert und dass sie gebraucht werden. „Wenn jemand mal nicht zur Arbeit kommt rufe ich sofort an und frage nach“, berichtet die Leiterin. 

Trotzdem könne sich jeder wenn nötig eine Auszeit von der Arbeit nehmen. „Bei uns gibt es eigentlich keine letzten Chancen. Unser Motto ist: Gestern war gestern und heute ist heute“, so Koschinsky. Wenn die Jugendlichen nach einer Pause wieder in das Programm einsteigen wollten, seien sie jederzeit willkommen. „Wir versuchen Zutrauen und Geduld zu haben“, sagt Koschinsky. „Natürlich stößt man dabei auch mal an seine Grenzen.“ 

Keine Regelförderung

Trotzdem ist sie von dem Konzept der Produktionsschulen überzeugt. „Zentral ist das selbstbestimmte und selbstverantwortliche Lernen, das vielen Jugendlichen enorm hilft“, sagt die Sozialpädagogin, die auch Vorsitzende im Bundesverband für Produktionsschulen ist. Neben der Fitness Lounge leitet sie für das Zentrum für Weiterbildung (ZfW) auch die Produktionsschule Aqua-BQB in einem Wohnheim für körperlich Schwerbehinderte in Niederrad. Dort bietet das ZfW gemeinsam mit dem Frankfurter Verband auch Ausbildungen zu Haushaltsfachkraft an. 

Leider sei das Konzept des Produktionsschule aber noch nicht wirklich im Bildungssystem verankert. Eine enorme Belastung, für Koschinsky. „Wir müssen jedes Jahr neue Fördermittel bei Stadt, Land und dem Arbeitsamt beantragen“, berichtet sie. „Es wäre schön wenn die Produktionsschulen zumindest landesweit längerfristig gefördert würden.“ 

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