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Bahnhofsviertelnacht in Frankfurt Planlos durch die Nacht

2. UpdateMehr als nur Rotlicht-Klischees: Die Bahnhofsviertelnacht in Frankfurt hat viel zu bieten - perfekt für jene Besucher, die sich einfach treiben lassen wollen.

Bahnhofsviertelnacht in Frankfurt am Main
In einer lauen Sommernacht lässt es sich prächtig auf der Elbestraße feiern. Foto: Rolf Oeser

Was Sie schon immer über Sex wissen wollten. So heißt die Veranstaltung, die der Prostituierten-Verein Doña Carmen in dieser Nacht anbietet. Aber nur Frauen dürfen zum Gespräch mit den Sexarbeiterinnen am Donnerstag rein. Keine Sorge, es gibt auch genug für Männer zu lernen bei der elften Ausgabe der Frankfurter Bahnhofsviertelnacht am Donnerstagabend.

60.000 Menschen kamen vergangenes Jahr. So viele sollen es auch in dieser warmen Sommernacht sein. Das diesjährige Motto lautet: Ankommen. Mehr als 50 Stationen stehen zur Auswahl. Dabei gibt es mehr als bloß Rotlicht-Klischees.

Die Besucher und warum sie hier sind: Sie sind schon seit langem nicht mehr nur aus Frankfurt. Tomasz (27) ist zum zweiten Mal aus Polen angereist. Auf einer Klassenfahrt hat er das Fest kennengelernt, das ihn nachhaltig begeistert hat. Viviane (20) studiert in Lyon und macht derzeit ein Praktikum im Bahnhofsviertel. „Ich wollte nach der Arbeit mal schauen, was hier los ist.“ Am frühen Abend sind die meisten Besucher dicht gedrängt auf der Kaiserstraße unterwegs. Insbesondere die Essensstände haben es den Menschen angetan. Das Angebot ist international, wie das Viertel: von asiatischen Sommerrollen über mediterrane Feinkost bis hin zu hessischer Wurst ist alles zu haben.

Plan und Planlos unterwegs: Tina (36) aus Darmstadt hat mit ihren Freunden gar keinen Plan. Sie lassen sich durch die Nacht treiben. Sandra (42) studiert mit drei Freundinnen etwas orientierungslos den Veranstaltungsplan. Ihr einziger Programmpunkt ist eine Unort-Führung, die auch für Einheimische unbekannte Frankfurter Plätze zeigt. Was nach der Führung kommt, wissen die vier noch nicht.

Ähnlich spontan sind Tanja (36) und Dirk (47). Sie warten vor dem RoomEscape. Erst wenige Minuten vorher haben sie via Handy-App ins Programm geschaut und dabei das Rollenspiel entdeckt, bei dem eine zufällige Gruppe gemeinsam aus einem Raum flüchten muss. „Für die Bahnhofsviertelnacht überlegen wir uns ein eigenes Konzept“, sagt Andreas Görcke, einer der Initiatoren. Dieses Jahr dürfen die Teilnehmenden kellnern, Piano spielen und müssen sich am Ende in einem Schwertduell die Freiheit erkämpfen. Tanja und Dirk sind mächtig gespannt, für sie ist es das erste Escape-Spiel.

Wer es gechillter mag, wird bei einem der zehn neuen Programmpunkte fündig. Da ist die Zigarrenmanufaktur Mercedes Reyes in der Kaiserstraße. Die gesamte Familie Reyes kommt aus der Dominikanischen Republik, ist seit 1910 in der Tabak- und Zigarrenproduktion, wie sie sagt. In der Manufaktur können Interessierte bei Cocktails und Longdrinks aus 30 verschiedenen Tabaksorten ihre eigene Zigarren herstellen. Den Tabak bezieht die Familie direkt aus der Dominikanischen Republik. Gina Alexandra Reyes arbeitet in siebter Generation in dem Betrieb. „Wir hoffen, dass uns die Leute in der Bahnhofsviertelnacht besser kennenlernen“, sagt sie.

Auf Tour mit der Feger-Flotte: Die beiden Führungen mit der Feger-Flotte sind ausgebucht. Substituierte Drogenabhängige sammeln initiiert von der Suchthilfe K9 montags bis freitags in zwei Schichten im Bahnhofsviertel Müll und alte Spritzen auf. Im Jahr finden sie bis zu 10 000 gebrauchte Spritzen, die sie entsorgen, so dass sich andere Menschen nicht verletzten. „Wir kennen, am besten, die Orte, wo die Drogensüchtigen sich spritzen. So entfernen wir auch alte Spritzen aus Büschen oder von Baustellen. Orte, wo andere nicht suchen würden“, sagt Karl, der seit Dezember Teil der Truppe ist.

Schon seit fünf Jahren dabei ist Michael: „Diese Arbeit gibt mir Sicherheit und Struktur im Leben“, erzählt er, während er durch die Elbestraße läuft und heute „mehr Bierflaschen als alte Spritzen“ aufsammelt. Bei seiner Arbeit bekommt er Frühstück und Mittagessen und ein bisschen Taschengeld. Antonia (32) hat die Führung ausgewählt: „Ich habe das Gefühl, dass die Bahnhofsviertelnacht sich immer mehr zum fröhlichen Straßenfest entwickelt hat, aber mich interessiert, was hier wirklich passiert.“

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