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Bahnhofsviertel Internationale Buchhandlung vor dem Aus

Brigitta Leiße von der Internationalen Buchhandlung „Südseite“ sucht händeringend einen Nachfolger.

Brigitta Leiße
Von französisch bis arabisch: Brigitta Leiße hat Bücher in vielen Sprachen im Angebot. Foto: C. Boeckheler

Während sich Frankfurt in diesen Tagen als Stadt des Buches inszeniert, droht einer weiteren traditionsreichen Buchhandlung das Aus. Die Internationale Buchhandlung „Südseite“ an der Kaiserstraße 55 wird wohl – wenn sich nicht bald geeignete Nachfolger finden – Ende des Jahres nach mehr als 30 Jahren schließen müssen.

Um einige Jahre hat Buchhändlerin Brigitta Leiße das Rentenalter bereits überschritten – und das gerne. Doch mit 76 Jahren fällt es ihr zunehmend schwer, sechs Tage in der Woche hinter dem Verkaufstresen zu stehen. Zumal sie keineswegs nur dort steht. Besucht man sie bei der Arbeit, ist die schmale Frau permanent in ihrem Laden unterwegs. Sie räumt Neubestellungen in die langen Regalreihen, stößt dabei ständig auf Bücher, die sie einem ans Herz legen möchte – etwa von Dževad Karahasan, Anna Goldenberg und Mia Couto.

Oder sie gestaltet die Auslage im bodentiefen Schaufenster um. Aktuell ist dort neben Max Czolleks Essay „Desintegriert euch!“ viel aus Georgien zu finden. Leiße hat die vergangenen Wochen genutzt, sich durch die wichtigste Literatur des Buchmessen-Gastlandes zu lesen. Dabei ist sie wohl eine der wenigen Frankfurter Buchhändlerinnen, die georgische Literatur auch schon vorher im Angebot hatte.

Als sie sich Anfang der 80er-Jahre mit dem Verleger Giuseppe Zambon zusammentat, hatten sie eine Buchhandlung im Sinn, in der auch Gastarbeiter aus den südeuropäischen Ländern fündig würden – daher der Name „Südseite“. Über die Jahre und mit weiterer Zuwanderung aus verschiedenen Sprachräumen, erweiterten die beiden ihr Sortiment. Heute ist in der Internationalen Buchhandlung Literatur aus der ganzen Welt zu Hause – in deutscher Übersetzung oder im Original. Leiße führt regalweise Literatur in verschiedenen Sprachen – von italienisch über russisch bis hin zu arabisch.

Kulturelles Gegengewicht

Sie findet, dass es Orte wie ihre Buchhandlung braucht in einer Stadt wie Frankfurt, in der Mitte Europas gelegen, mit internationalen Bewohnern. Aber auch als kulturelles Gegengewicht zu Flughafen und Banken. Schon dass 2016 der British Bookshop nach 60 Jahren schließen musste, habe sie nicht verstanden. „Das ist einfach ein Manko für die Stadt, ganz neutral betrachtet.“

So sah es auch Janosch Birkert, ein Stammkunde – und langjähriger Bahnhofsviertel-Bewohner. Als er von der Nachfolgersuche erfuhr, trommelte er Ende vergangenen Jahres eine Gruppe aus Literaturfans und Kulturschaffenden zusammen, die sich zum Ziel setzte, die Buchhandlung zu erhalten. „Die Kaiserstraße ist quasi das Tor zur Stadt – gerade jetzt bei der Buchmesse. Wir wollten verhindern, dass sich hier nur noch Gastroketten aneinanderreihen.“ Für eine Weile keimte Hoffnung auf.

Ein Dreivierteljahr lang arbeitete das kleine Kollektiv am Konzept: Die Räume sollten erweitert, ein kleiner Cafébetrieb angeschlossen, Lesungen und Diskussionen organisiert werden.

Große Nachfrage an internationaler Literatur

Sie holten sich Rat von Buchhändlern und Beratern, sprachen bei Banken vor – und mussten sich am Ende geschlagen geben. Der Miete wegen. Zwar sei die im Vergleich zu den Preisen in der Frankfurter Innenstadt eher niedrig – für eine inhabergeführte Buchhandlung aber dennoch zu hoch. Städtische Förderung gebe es für Geschäfte nicht. „Alle Experten haben uns abgeraten. Bei der aktuellen Mietsituation werden weiter Buchhandlungen schließen oder in Seitenstraßen abgedrängt“, ärgert sich Fatoumata Diop, die zusammen mit Birkert die „Südseite“ erhalten wollte.

Dass Leiße und Zambon dennoch so lange durchgehalten haben, zeigt, dass es in Frankfurt eine große Nachfrage nach internationaler Literatur gibt. Beide haben dafür hart gearbeitet – Leiße schmiss den großen Laden jahrzehntelang ganz allein – und sich finanziell beschränkt. Ein Einsatz, den die Buchhändlerin nicht bereut: „Ich habe nie viel gebraucht, wollte kein Auto oder sonstigen Kram.“ Sie lacht: „Ich wollte nur Bücher um mich haben.“

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