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Bahnhofsviertel in Frankfurt „Vertreiben lassen wir uns nicht“

Ein Nachbar blickt aus seinem Wohnzimmer direkt auf die Drogenszene vor dem Krisenzentrum in der Niddastraße.

Ehepaar Renner
Das Ehepaar Renner lebt eigentlich gern im Viertel. Foto: Christoph Boeckheler

Wer im Wohnzimmer von Heiko Renner Platz nimmt und aus dem Fenster blickt, sieht immer wieder denselben Film: Männer und Frauen, die einen heruntergekommenen Eindruck machen, stehen auf der anderen Straßenseite auf dem Bürgersteig, reden, rauchen, dealen. „Diese blonde Frau dort drüben“, sagt der 38-jährige Informatiker, „das ist ein Drogenengel“. Sie soll mit Cracksteinchen handeln, so wie der dicke Mann im dunklen Wollmantel, der sich gerade drei Schritte nach rechts bewegt. Normalerweise würden „die Dealer in der Menge unsichtbar“, sagt Renner.

Seit etwa einem Jahr beobachten er und seine Lebensgefährtin Sandra Deibicht die Szene gegenüber vor dem Eingang des Krisenzentrums der Integrativen Drogenhilfe (IDH) in der Niddastraße 49 mit großer Aufmerksamkeit.

Den Druckraum dort habe es gefühlt schon immer gegeben, sagt Renner, der seit fast zehn Jahren in der Niddastraße wohnt. „Schön“, sei das nie gewesen. „Aber man hatte nicht das Gefühl, bedroht zu werden.“ Das hat sich nach Darstellung von Renner geändert: Zwei Bierflaschen hätten ihn nur knapp verfehlt, ein Tetrapack habe er an den Kopf bekommen, zwei Fenster und die Heckscheibe seines Autos seien eingeworfen worden. Seiner Lebensgefährtin habe jemand zugerufen, „ich stech Dich ab.“

Bis zu 40 Personen stünden immer wieder auf dem Bürgersteig herum, umgeben von Müll, erzählt er. Egal, wie oft die Straßenreinigung vorbeikomme, der Müll sei gleich wieder da. Auch die Kontrollen der Polizei würden nichts bewirken. Die Szene würde sich kurz zerstreuen, um aber schnell wieder zusammenzufinden. Die Polizei sei ohnehin nur darauf aus, die Dealer zu verfolgen. Die Konsumenten blieben sich selbst überlassen.

Davon, dass seit Juli nachts ein Crack-Bus im Bahnhofsviertel unterwegs ist, hat Renner nichts gespürt. Die ganze Nacht über sei es laut, er und seine Lebensgefährtin würden nicht zur Ruhe kommen, kaum noch schlafen. Renner ist ein umtriebiger Mensch: Immer wieder macht er Fotos, schreibt Mails und alles wird fein säuberlich protokolliert.

Die Wortwahl ist bisweilen eigenwillig. In einem Schreiben an den hessischen Innenminister Peter Beuth (CDU) bezeichnet er den „Frankfurter Weg“ in der Drogenpolitik, jene Mischung also aus Repression und Hilfsangeboten, als „menschenverachtend“. Weiter heißt es: „Herr Innenminister kümmern Sie sich endlich um den Taugenichts im Römer, Herrn Peter Feldmann!“ 120 Quadratmeter ist die Altbauwohnung von Renner groß. Die Decken sind hoch und mit Stuck verziert. Fest steht: „Vertreiben lassen wir uns nicht.“ Ob die Wohnung gekauft ist oder Renner zur Miete wohnt, möchte er nicht sagen, sondern sich dafür einsetzen, dass für die Menschen, die vor dem Eingang zum Krisenzentrum lungerten, eine Räumlichkeit gefunden werde, die auch jene aufnehme, die von der Integrativen Drogenhilfe ein Hausverbot erhalten haben.

Für viele ist die Straße das Zuhause

Das sind allerdings nach Angaben von IDH-Geschäftsführerin Gabi Becker nicht viele. Nur sieben Personen dürfen die Einrichtung gar nicht mehr betreten, sagt Becker. Wobei sie nicht weiß, ob die Betreffenden derzeit überhaupt im Bahnhofsviertel unterwegs sind. Dass sich vor dem Eingang des Krisenzentrums in der Niddastraße nachts 40 Personen aufhalten, bezeichnet Becker als übertrieben. Gleichwohl räumt sie ein, dass die Situation für die Anwohner unerfreulich sei. Aber man könne die Drogenabhängigen nicht zwingen, zu gehen oder in das Krisenzentrum zu kommen. Für viele sei die Straße ein Zuhause, wo sie sich das Geld und die Drogen beschaffen.

Die Drogenreferentin Regina Ernst weist darauf hin, dass es den Sozialarbeitern des Crack-Busses, der auch von der IDH betrieben wird, seit Juli dieses Jahres immer mehr gelungen sei, die Konsumenten für Übernachtungen im „Eastside“ zu gewinnen – Europas größtes Krisenzentrum im Osten der Stadt, das ebenfalls zur IDH gehört.

Dass inzwischen rund 20 Konsumenten an das Hilfesystem der Drogenhilfe vermitteln, wurde, ist für den Gesundheitsdezernenten Stefan Majer (Grüne) ein „richtig großer Erfolg“. Das Ziel sei es, die Leute von der Straße zu holen, den „Beschleunigungseffekt“, der durch die schnelle Droge Crack ausgelöst wird, auszuhebeln: „Das Ziel sollte sein, dass sie nachts schlafen.“

Von einem Aufenthaltsraum, in dem wie auf der Straße gedealt und konsumiert wird, hält Majer nichts. Wie man in Zukunft mit Drogenabhängigen umgehen soll, die sich bislang nicht ansprechen ließen, darüber würden derzeit „intensive Gespräche mit der Polizei“ geführt.

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