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Ausstellung in Frankfurt Schlachtabfall in der Höchster Kunsthalle

Die Künstlergruppe zeigt in der Kunsthalle Ludwig in Frankfurt-Höchst die Ausstellung „Metzgerei Seele & Söhne“. Dafür haben die Künstler Organe von Tieren fotografiert.

Mini-Skulpturen
Die Fotos zeigen Mini-Skulpturen aus Tier-Organen. Foto: Gruppe Gotensieben

Nachdenken muss Klaus Reichert nicht lange. Ein Zuruf genügt, schon sprudeln die Sätze aus dem Hörfunkmoderator, Autor und Künstler heraus. Es geht um nichts weniger als die Seele. Der 55-Jährige spricht druckreif, das Thema beschäftigt ihn schon lange. Er redet von Handwerk, von Kunst, von der Geschichte der Menschheit und von Fleisch.

Aber gemach. Zunächst handelt es sich nur um eine Ausstellung. Reichert ist Mitbegründer der Künstlergruppe Gotensieben. Die zeigt ab dem heutigen Mittwoch Abend in der Höchster Kunsthalle Ludwig die Ausstellung „Metzgerei Seele & Söhne“. Zu sehen sind Bilder, die beschrieben drastischer klingen als sie aussehen: Organe von Tieren, quasi Schlachtabfall.

Den einsetzenden Fluchtreflex unterstützt Reichert noch: „Fleisch ist vergänglich, roh, blutig, archaisch“, sagt er über sein Werkmaterial, ohne das Gesicht zu verziehen. Doch so, das sei schnell versichert, sehen die Bilder nicht aus. Blut zum Beispiel, fehlt. Die Fotos verströmen eher eine klinische Ästhetik. Der Hintergrund ist schwarz, der Vordergrund leuchtet bläulich. Sachlich wirken die Bilder, nüchtern. Unverklärt. Und das wiederum verstärkt das Unbehagen nochmals. Denn sie zeigen die Seele, behauptet Reichert gelassen.

Damit aber genug der Provokation. „Die Idee geht auf meine Kindheit zurück“, erzählt er. „Ich bin in einer Metzgerei aufgewachsen, habe als Kind viel in Tiere hineingeschaut.“ Sein Bruder Thomas, der über Höchst hinaus bekannte Haxen-Reichert, übt den Beruf noch aus. Bei Künstler Klaus hat sich in der Kindheit der Gedanke gebildet, die Seele sei ein Organ im Körper. Erstaunlicherweise kein Einzelfall. Fotograf Thomas Balzer, Mitglied der Gruppe Gotensieben, hat als Kind ebenso gedacht. Es folgt der Moment, der Kunst gebiert. Verblüfft schauen sich die beiden an und rufen beinahe gleichzeitig aus: Das müssen wir in Szene setzen.

Bei Metzgern fragen sie an, ob die nicht Innereien zur Verfügung stellen könnten. Im Atelier modellieren sie das Material mit dem Skalpell zu Skulpturen, Miniaturen. Nur fünf bis zehn Zentimeter groß sind sie. „Man erkennt die Organe nicht“, sagt Reichert. Ein Teil eines Herzens ist dabei, auch Gebärmutter, Lunge, Nierengewebe. Groß verändern die Künstler die Fotos nicht in der Postproduktion, sie ziehen sie aber mannshoch auf, 180 mal 130 Zentimeter.

„Die Metzger mischen jetzt in der Kunstszene mit“, sagt Reichert vergnügt. „Die Veganer rennen schreiend davon.“ Er übertreibt. Das hat er selber festgestellt, recht betrübt. Die Bilder haben sie schon einmal gezeigt, auch in Frankreich. Kritische Reaktionen bleiben aus. Dabei gebe gute Gründe, Fleischkonsum zu kritisieren, lockt Reichert. Und er diskutiert doch so gerne.

„Vor 100 Jahren noch haben wir alles vom Tier gegessen.“ Auch ihre Kunst haben sich Reichert und Balzer einverleibt. Zumindest was davon nicht zu lange im Atelier gelegen hat. „Mein Partner ist ein großartiger Koch“, sagt Reichert trocken. Fleischverzehr, da ist er bestimmt, gehört zur menschlichen Kultur. Das geht Tausende von Jahren zurück. Schon die Höhlenmenschen haben Jagdszenen an die Wände gemalt. Fleisch ist ein Nahrungsmittel, das dem Menschen einen evolutionären Schub verabreicht habe, kaum zu unterschätzen auch der soziale Aspekt der Zubereitung. „Fernsehen gab es da noch nicht“, ulkt Reichert.

Nicht nur ist das Metzgerhandwerk damit das älteste bekannte Handwerk. Es ist auch immer kunsthistorisch relevant gewesen, spinnt er den Faden weiter. Fast zu allen Zeiten haben sich Künstler von Motiven aus dem Schlachthaus inspirieren lassen. Die Metzgerzunft ist eine wohlhabende gewesen, konnte also Bilder beauftragen. Auch das soll die Schau in der Kunsthalle Ludwig zeigen. Historische Aufnahmen des Metzgerhandwerks sind zu sehen, ein Bild der Kaiserkrönung in Frankfurt, bei der die Metzgerinnung eine wichtige Rolle gespielt hat. Ein Nachdruck des Rembrandt-Schinkens (verzeihen Sie das Wortspiel) „Der geschlachtete Ochse“. Klaus Reichert reibt sich die Hände. „Wir wollen den Leuten einen Kontext bieten.“

Die Kunsthalle Ludwig ist dafür ein guter Ort. „Ein Glück“, sagt Reichert, „tolle Räume, richtig amtlich“, beschreibt er die frühere Videothek.

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