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Anne-Frank-Tag Westend-Synagoge hat bewegte Geschichte

Die Westend-Synagoge hat als einziger von 44 jüdischen Gebetsräumen in Frankfurt den Nationalsozialmus überstanden. Besuch in einem Gotteshaus, das wieder von religiösem Leben erfüllt ist.

Westend-Synagoge
Zentraler Ort im Gebetssaal: der Thoraschrein im Hintergrund. Foto: Michael Schick

In die Westend-Synagoge geht es am Anne-Frank-Tag durch einen Seiteneingang und einen Metalldetektor. Einmal rechts abbiegen, und schon stehen die Besucher in der Halle, die zum großen Gebetsraum führt. „Der Haupteingang ist nur zu Schabbat geöffnet“, sagt Gabriela Schlick-Bamberger. Die Religionslehrerin führt interessierte Besucher ehrenamtlich durch das über 100 Jahre alte Gebäude. Im Jahr 1910 wurde die Synagoge im Westend eingeweiht. Von 44 jüdischen Gotteshäusern war sie das einzige, das den Zweiten Weltkrieg überdauerte.

„Sie hatte das Glück, dass sie inmitten der Wohnhäuser gebaut ist. Es gab Bedenken, dass bei einem Brand das Feuer auch auf die Nachbarhäuser übergesprungen wäre“, sagt die Frankfurter Religionslehrerin. Trotzdem sei die Synagoge ab 1938 nicht mehr als Gebetsort nutzbar gewesen. Im Zuge der Novemberpogrome wurde im Innenraum Feuer gelegt, den die Feuerwehr allerdings löschte. Das Gebäude wurde geplündert und aller Wertgegenstände beraubt. Während des Weltkriegs diente es als Kulissen- und Möbellager.

Das jüdische Leben verschwand Stück für Stück aus Frankfurt. 1930 lebten noch 30.000 Juden in der Stadt. Nach Kriegsende seien 175 zurückgekehrt. Der Rest war geflohen, verschleppt oder ermordet worden. Der Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde mit der West-Synagoge als Gebetshaus sei eigentlich nur als Übergangslösung gedacht gewesen. Da die Ausreise in die USA und andere Länder immer länger dauerte, sollte die Gemeinde bei der Abwicklung helfen. Viele fanden in Frankfurt eine neue Heimat. Aktuell umfasst die jüdische Gemeinde knapp 7000 Mitglieder.

Nach dem Geschichtsrückblick führt Schlick-Bamberger die Besucher in den großen Gebetsraum. Dort dominieren die Farben Grün, Blau, Gold und ein dunkles Rot. Es gibt mehrere Stuhl- und Tischreihen, die eher an einen Hörsaal als an ein Gotteshaus erinnern. An der Vorderseite des Mittelschiffs ist ein blauer Vorhang zu sehen. Darüber steht in Hebräisch: „Wisse, vor wem du stehst. König der Könige. Geheiligt werde sein Name.“

Auf der Empore im hinteren Teil ist eine Orgel zu erkennen. Die Mitte des Raumes bildet ein hohes Pult. „Der Thoraschrein ist der wichtigste Ort“, sagt Schlick-Bamberger und deutet auf den blauen Vorhang im vorderen Bereich. Die Thora – die Heilige Schrift der Juden – ist eine handgeschriebene Pergamentrolle. Auch in der Westend-Synagoge gibt es drei verzierte Ausfertigungen. Zu jedem Schabbat-Gottesdienst, dem wichtigsten Tag im jüdischen Glauben, wird eine der Rollen feierlich hinter dem Vorhang hervorgeholt und gelesen.

Der Schabbat dauert von Freitag- bis Samstagabend. In dieser Zeit gibt es drei Gottesdienste. Zu diesen wird die Thora auf das Pult in der Mitte des Raumes gelegt – die sogenannte Bima. Ein Vorbeter liest der Gemeinde schließlich vor. Knapp ein Jahr dauert es, bis die fünf Bücher Mose, welche die Thora enthält, komplett durchgearbeitet sind. Anschließend wird von vorn begonnen. Im orthodoxen jüdischen Gottesdienst sitzen die Frauen oben auf der Empore. Die Männer sitzen unten und gestalten den Gottesdienst.

Und was hat es mit der Orgel auf sich? Diese erklang 1952 bei einem Konzert zum letzten Mal. „Die Stadt wollte die Synagoge als Kirche nutzen, falls die jüdische Gemeinde Frankfurt wirklich verlassen hätte“, so Schlick-Bamberger.

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