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Alt-Sachsenhausen Bis einer „Hurensohn“ sagt

Alt-Sachsenhausen ist nach einer beinahe tödlichen Schlägerei mal wieder im Gerede. Ist das Partyviertel wirklich so gefährlich? Ein Besuch.

Kneipenviertel Sachsenhausen
Die Polizei zeigt Präsenz – sie will aber auch als Ansprechpartner vor Ort sein. Foto: Michael Schick

Samstagabend, kurz vor Mitternacht. In Alt-Sachsenhausen bedeutet das Gezeitenwechsel. Die wenigen verbliebenen Frankfurter, die sich bis zuletzt in raren Oasen wie dem Dauth-Schneider verschanzt hatten, treten den Heimweg an. Junge Menschen in Partylaune übernehmen das Ruder. Viele kommen von außerhalb. Ein begeisterter junger Mann, offenbar ein Alt-Sachs-Veteran, deutet Richtung Affentorplatz: „Geil, da bin ich mal in den Kofferraum von einem Kombi eingeschlafen!“

Vor dem Denkmal der Frau Rauscher steht einer der letzten Besucher älteren Semesters. „Die wird im Winter abgestellt“, erklärt er seiner Begleiterin die beklagenswerte Tatsache, dass Frau Rauscher derzeit keine Passanten anspeuzt. Aber das ist nicht die Erklärung. Die ist viel furchtbarer: Frau Rauscher wohnt hier schon lange nicht mehr. Nichts an Alt-Sachsenhausen erinnert in dieser kalten Nacht an Frau Rauscher. Der Kiez erinnert eher an Helene Fischer. Kalt. Unnahbar. Und niemand, den man kennt, würde an einem Samstagabend hierhin gehen – aber viele tun es ganz offenkundig, aus freien Stücken.

Frankfurts Partyzone ist mal wieder im Gerede. Den Grund dafür kann man auf einem Fahndungsplakat der Polizei lesen, das an einem Taxiruf in der sogenannten Dönerkurve hängt. „Versuchtes Tötungsdelikt“ ist dort zu lesen, ein 22 Jahre alter Student war in der Nacht auf den 19. November gegen 3.30 Uhr in der Elisabethenstraße von einem achtköpfigen Mob brutal zusammengeschlagen und schwer verletzt worden, die Polizei sucht immer noch Zeugen. Direkt neben dem Plakat brüllt ein junger Mann sein Gegenüber an und macht Kickboxbewegungen. „Kick in die Fresse“, brüllt er immer wieder, aber wie sich zeigt, handelt es sich hier nicht um eine Prügelei, sondern um die kameradschaftliche Präsentation von Kampftechniken.

Wenige Meter weiter, an der Tür einer Disco in der Klappergass, kommt es zu einem kleineren Scharmützel. Einer Gruppe junger Männer ist der Einlass verweigert worden, einer der Geschmähten will das nicht dulden. „Was sagst du? Was sagst du?“, brüllt er den Türsteher an, während ihn ein Kumpel wegzureißen versucht. „Ich sag’ gar nix, ich hab’ die Bullen gerufen“, sagt der Türsteher und die Abgewiesenen strolchen sich. Dabei muss niemand die Polizei rufen. Die ist längst da.

Eine vierköpfige Streife nähert sich der Disco, nimmt aber von dem Disput keinerlei Notiz – da sind die Polizisten ganz anderes gewohnt. In Sichtweite der Disco zeigt die Polizei sogar stationäre Dauerpräsenz. Wer hier eine Schlägerei anfängt, muss schon sehr dumm oder sehr besoffen oder beides sein.

Nicht, dass es so etwas in Alt-Sachs nicht gäbe. Immer wieder taucht der Kiez im Polizeibericht auf, vor allem nach Wochenenden. Mitunter beschäftigen Wirtshausschlägereien auch die Frankfurter Gerichte. Die allermeisten Fälle sind dort nach Schema F gestrickt: Junge Leute feiern dort mehr oder minder friedlich, bis einer „Hurensohn“ sagt, dann setzt es allenthalben Hiebe.

Am Frankfurter Amtsgericht haben sich in jüngster Zeit die Antänzer-Fälle ein wenig gehäuft. Die Antänzer treiben ihr Unwesen meist nahe dem Affentorplatz und sie sind nicht besonders gut in dem, was sie tun. Am Samstag kurz vor Mitternacht aber ist der Affentorplatz antänzerfrei. Ein Flaschensammler geht seiner Arbeit nach, ein Obdachloser bettet sich unter goldener Alufolie zur Nachtruhe. Kein Antänzer, nirgends. Alt-Sachs mag immer wieder zum Tatort werden, aber kein Vergleich etwa zum Bahnhofsviertel.

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