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Trauer um Anita Honis Sie war Harlem am Main

Anita Honis, die Sängerin und Sachsenhäuser Balalaika-Wirtin, ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Die New Yorkerin verlor ihr Herz an Frankfurt - und umgekehrt. Ein Nachruf.

Musikerin und Wirtin Anita Honis
Anita Honis-Bohländer, wie sie ihre Gäste liebten, auf einer Aufnahme von 2005. Foto: Frank May (dpa)

Mit Anita Honis warm zu werden, das dauerte nicht lange. Es brauchte nur einen Augenblick, ein „Hello, Darling!“, einen ihrer unendlich weichen Gitarrenakkorde, mit dem Daumen über die Saiten gefahren. Da konnte man in den 80er Jahren der coolste Punk oder New Waver sein: Wer seinen Fuß über die Schwelle der Sachsenhäuser Balalaika-Bar setzte, da wo die Färber- die Oppenheimer Straße kreuzt, war augenblicklich in den Bann dieser Frau gezogen.

Ein, zwei Getränkerunden, viel länger mussten die Gäste nicht warten, bis die Wirtin einen Barhocker und ihre Gitarre schnappte, sich zu den Leuten gesellte und sang. Soul, Blues, Jazzstandards, mit dieser warmen, manchmal rauen Stimme, mit der sie auch laut auflachen konnte. „Was soll man sagen“, sagt Jochen Hasmanis, der sie bei den Recherchen für seinen „FFM Jazz Film“ über die Größen des Genres besuchte: „Sie war mächtig der Musik, eine tolle, eine großartige Sängerin. Eine offene und warmherzige Person mit lebenslustiger Ausstrahlung.“

Seit 1968 traf man sie in ihrer Balalaika-Bar. Generationen von Gästen freuten sich schon draußen vor der Tür auf die Frage: „Was trinkst du, Schätzchen?“ Die Filmemacherin Elizabeth Ok zählt zu jenen, die fasziniert waren, die immer wiederkamen. „Anita war der Wendepunkt in meinem Leben“, sagt sie. „Ich hatte in der Bar die ersten kleinen Gesangsauftritte, ich lernte meinen Mann dort kennen, mein Film ist da entstanden. Ich bin sehr froh, dass ich sie getroffen habe, und ich kann nicht glauben, dass sie nicht mehr da ist.“

Ein Stück Harlem mitten in Frankfurt

Der Film, den Elizabeth Ok drehte, heißt „Carlo, Keep Swingin’“. Er beruht auf dem Nachlass Carlo Bohländers (1919–2004), Frankfurter Trompeter, Jazzlegende – und Ehemann von Anita Honis. Die New Yorkerin war 1963 nach Frankfurt gekommen, um zu musizieren. Als sie Bohländer traf, war ihr Minuten später klar: Sie würde auch hier heiraten. Frankfurt wurde ihr zur Heimat, schneller als man „Ebbelwei“ sagen kann.

Nach fünf Jahren dann die Bar, bald kamen auch die Großen, Inge Meysel, Ivan Rebroff und sogar der Größte: Muhammad Ali, nach Sachsenhausen in die Balalaika. „Man braucht aber keine Prominenten, um einen besonderen Abend zu erleben“, sagte sie 1999 in einem Zeitungsinterview. Wie recht sie hatte.

2015 sah man sie beim Lichter Filmfest zur „Carlo“-Premiere singen. In den vergangenen Jahren kam sie nur noch selten in die Bar auf ein Lied, „Summertime“ vielleicht oder „As Time Goes By“. Ende November ist Anita Honis 84-jährig gestorben, wie erst jetzt bekannt wurde. „Sie war ein Stück New York, ein Stück Harlem mitten in Frankfurt“, sagt Elizabeth Ok. Die Beerdigung ist am 11. Dezember, 12.45 Uhr, auf dem Südfriedhof.

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