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Traditionsgeschäft Schreibwarenladen Dorsch vor dem Aus

Für den Sachsenhäuser Schreibwarenladen Dorsch ist nach mehr als 70 Jahren in der Schifferstraße Schluss – oder doch nicht?

Traditionsgeschäft in Sachsenhausen
Claudia Zapp arbeitet seit mehr als 20 Jahren bei Dorsch. Foto: Michael Schick

Für Wolfgang Klee ist es ein herber Verlust. „Das ist mein Laden“, sagt er. „Hier komme ich seit Jahren her.“ Hier, bei Dorsch an der Schifferstraße in Sachsenhausen, kauft der renommierte bildende Künstler auch an diesem Tag einige Bogen Finnpappe, einen besonders festen Werkstoff, um damit zu arbeiten, drüben, im Atelier in der Paradiesgasse. „Daraus baue ich Objekte mit dunklen Inhalten – böse Dinge!“ Dazu schaut er aber gutmütig. „Wenn hier Schluss ist – schade.“

Eigentlich ist es ja nicht Wolfgang Klees Laden, sondern das Geschäft von Volker Klein. Er ist der Inhaber. Und irgendwie ist es auch das Geschäft von Claudia Zapp. Sie arbeitet seit mehr als 20 Jahren bei Dorsch. Ende Juni ist Schluss. Jedenfalls wenn man der Hausfassade glaubt. Die lässt keinen Zweifel: „Alles muss raus“ steht da, und „Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe“ steht da. „Seit über 200 Jahren“ steht da aber auch noch. Und über allem schwebt: Wäre doch schade.

Der nächste Kunde kommt herein. Geht kurz durch den verwinkelten Laden, an den unzähligen kleinteiligen Regalfächern vorbei. Schulhefte, Pinsel, noch mehr Schulhefte, Buntpapier, Filzstifte, edlere Schreibgeräte, Deckfarbkästen, Post-it-Zettel, Tipp-Ex-Fläschchen. „Ich hätte gern eine Cross-Mine“, sagt er. Die Marken-Mine für einen Kugelschreiber. Wer kauft heute noch so etwas in dieser Wegwerfgesellschaft? „Och, gar nicht mal so wenige“, sagt Claudia Zapp. „Und besonders junge Leute.“ Denen die Umwelt wichtig sei. Dass nicht so viel Plastikmüll anfällt.

Aber das Geschäft läuft nicht mehr so gut. „Online ist das große Thema“, sagt Volker Klein. Kundschaft wandert ins Internet ab. Früher habe der Laden fünf Mitarbeiter ernährt, jetzt gerade noch zwei. „Zu zweit ist ein Laden dieser Größe aber nicht zu führen“, sagt Claudia Zapp. „Dafür ist das hier zu beratungsintensiv.“ Man kümmere sich ja um die Kunden. „Den ganzen Tag hören wir jetzt die Trauerbezeugungen. Die Leute sind bestürzt.“

Es müsste halt mal was gemacht werden, sagt der Chef, eine Renovierung drinnen im Laden, besonders aber an der Fassade. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete Alfred Dorsch das Geschäft für „Büro-Organisation“ an der Schifferstraße. Das Unternehmen selbst ist viel älter, gegründet 1782, einst lange Zeit ansässig hibbdebach in der Altstadt.

Wer so dasteht im Laden und plaudert, etwa über die Schultüten, die gestapelt parat stehen („manche Eltern planen die Einschulung sehr langfristig“) und über die vielen Tintenpatronen für Drucker, heutzutage wichtig fürs Geschäft – den beschleicht das Gefühl: So ganz ist das Ende aber noch nicht beschlossen und verkündet. „Wir würden ja gern weitermachen“, sagt Klein, „aber es muss halt viel gemacht werden, der Teppich liegt hier auch schon seit 40 Jahren.“ Kurzum: „Wenn die Hauseigentümer etwas investieren würden …“

Eigentlich rennt er damit bei Danielle Wendel-Baumert offene Türen ein. Sie war selbst ab 1984 Geschäftsführerin bei Dorsch, das Haus gehört der Familie. Voriges Jahr starb ihre Mutter, und nun ist da eine Erbengemeinschaft, die sich nicht so richtig einig ist, was werden soll. „Ich würde mich riesig freuen, wenn es weitergeht“, sagt Danielle Wendel-Baumert. „Das ist ja praktisch mein Baby. Meinen Segen hätte Herr Klein, auch zu denselben Konditionen wie bisher.“ Sie sagt sogar: „Wir müssten halt mal Geld in die Hand nehmen und zumindest etwas an der Fassade machen.“

Aber das ist eine Sache, die die Erben miteinander abmachen müssen. Bis das geklärt ist, geht der Ausverkauf einstweilen weiter. Din-A5-Hefte aus Umweltpapier gibt es gerade für 15 Cent das Stück. Spar-Eulen, bunte Pausenbrotboxen, Klebeetiketten und Party-Pappgeschirr wären auch noch zu haben. Und ein „Monsteralarm-Lachball“.

Falls alles nichts hilft: Die Angestellten stünden wenigstens nicht auf der Straße. Volker Klein hat noch ein zweites Geschäft im Nordend, Nähe Fachhochschule. Da kaufen viele Studierende ein.

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