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Sachsenhausen Wo die City fast am Horizont ist

Im Grün der Schrebergärten und Straßen im Süden von Sachsenhausen fühlen sich die Frankfurter wohl. Wer genervt ist von der Hektik der Stadt, findet hier Rückzugsorte.

Sachsenhausen
Blick zurück in die Stadt: Obwohl die Skyline so nah scheint, fühlt man sich in den Straßen rund um den Oberen Schafhofweg ganz weit weg. Foto: christoph boeckheler

Eigentlich ist der Eichelhäher ein Singvogel. Doch am Mittwochmorgen ist es eher ein Kreischen, das aus seiner Kehle dringt. Mit seinen blauen Flügeln flattert er über den Oberen Schafhofweg in Sachsenhausen hinweg – aufgescheucht von einem einsamen Störenfried. Unter der Woche passieren vermutlich nicht sehr viele Fußgänger den schmalen Weg, der von Hecken eingerahmt ist. Es ist eine ruhige Ecke im Süden der Stadt. Am Wegesrand hinter den Hecken, über die der Eichelhäher hinwegfliegt, verbergen sich keine Wohnhäuser, sondern Kleingärten. Unzählige Parzellen reihen sich aneinander. Und so trifft man schon bald auf Menschen.

Etwas weiter stellen eine Frau und ein Mann gerade ihr Auto ab. Aus dem Kofferraum ziehen sie eine Schubkarre und Werkzeug. Schon frühmorgens wird hier mit der Gartenarbeit begonnen. Ursula Plewa ist 67 Jahre alt und kommt jedes Wochenende hierher – wenn es besonders viel zu tun gibt, dann gerne auch unter der Woche. „Ich wohne nur eine Straße weiter. Aber hier oben im Garten ist es wie im Urlaub“, sagt sie. Zuletzt sei einiges liegengeblieben. Das Gewitter in der vorigen Woche habe Äste abgeschlagen. Deswegen packt heute der Nachbar mit an.

Walter hat schon seine Arbeitshandschuhe angelegt und die Schubkarre gepackt. Von der Straße weg schiebt er sie über einen Trampelpfad ein ganzes Stück im Schatten großer Laubbäume hinein in die Gartenanlage. Für Ursula Plewa ist ihr Rückzugsort „eine Oase in der Großstadt“. Zwischen Gemüsebeet und einer hohen Kiefer veranstalte sie hier immer mal wieder Sommerfeste.

Im Garten nebenan nutzt ein Nachbar die Pflanzen und Bienen als Imker. Die Sträucher dort sind ein wenig verwildert, vielleicht damit die Bienen reichlich Nektar sammeln können. Es sei hier keine organisierte Schrebergartenkolonie, erzählt Plewa. Ohne die ganzen Auflagen und Richtlinien komme man aber ohnehin viel besser miteinander aus.

Draußen an der Straße weist ein gelbes Schild auf den hausgemachten Honig hin. Gegenüber hat es sich Matthias Rüdinger zwischen Blumentöpfen auf seinem Balkon gemütlich gemacht. „Das ist mein Lieblingsplatz. Bis März war das hier eher eine Abstellkammer. Doch meine Freundin hatte die Idee, den Balkon ein wenig aufzupeppen“, erzählt er. Dabei strahlt ihm die Sonne ins Gesicht. Der „waschechte Sachsenhäuser“ betreibt einen Friseursalon in der Oppenheimer Landstraße und kann heute ausnahmsweise etwas später anfangen.

Der Blick der Anwohner geht auch immer wieder mal nach oben. Nicht wegen der Sonne, die heute so wunderbar scheint. Und auch nicht wegen eines kreischenden Eichelhähers. Es sind die vielen Flugzeuge, die noch viel krachender über die fast idyllisch anmutenden Straßen und Pfade hinwegbrettern. Man müsse den Fluglärm annehmen, sagt Plewa, irgendwann blende man ihn aus. „Klar, es schränkt schon ein“, findet Rüdinger. Aber er drehe dann einfach den Fernseher ein bisschen lauter, dann gehe das schon.

Und in der Tat: Wer an diesem sonnigen Mittwochmorgen durch die Straßen rund um den Oberen Schafhofweg spaziert, bemerkt wenig vom Fluglärmfrust. An einem Zaun ist zwar ein entsprechendes Protestschild zu sehen. Doch viel stärker zu spüren ist die Anziehungskraft des Grünen. Nicht weit ins Zentrum ist es von hier, aber doch fernab von der Hektik der Großstadt und gleichzeitig nicht mehr weit in den Stadtwald.

Manuel, ein 34-jähriger Arzt, joggt hier auf seiner gut zehn Kilometer lange „Hausroute“ vorbei. Weiter führt sie ihn über Südfriedhof und Goetheturm in den Wald. Und dann auf dem gleichen Weg zurück. „Am Main will ich nicht laufen, da ist mir zu viel Trubel“, sagt er und läuft bald weiter. Horst und Krystyna sind von Dreieich wegen des Alters hierhergezogen und gehen mit Jagdhündin Bailey spazieren. „Die wird morgens von der Tochter gebracht und abends wieder abgeholt“, sagt Horst. Doch lange können auch sie nicht Halt machen. Die Hündin bellt ungeduldig und schaut ihre Begleiter vorwurfsvoll an.

Ein ganzer Straßenzug mit Häusern ist eine Ecke weiter zuletzt neu entstanden. Anna ist mit ihrem Mann und den zwei Kindern im Juni von Alt-Sachsenhausen in eine der neuen Wohnungen eingezogen. „Unsere Erwartungen haben sich erfüllt: Hier können wir unbesorgt skaten, Fahrrad fahren und in den Wald gehen. Nur der 24-Stunden-Kiosk fehlt ein wenig“, sagt sie. Mit dabei hat sie ihren eineinhalb Jahre alten Sohn Emil. Während seine Mutter erzählt, deutet er immer wieder aufgeregt nach rechts. Hinter Bauzäunen befindet sich dort der Spielplatz der neuen Siedlung. „Das ist echt doof“, sagt Anna. Das ganze Viertel warte darauf, dass dieser endlich eröffnet wird. Schon einige Wochen ziehe sich das hin.

Wochen, Monate, Jahre – während viele neu in die Nachbarschaft ziehen, ist eine hier schon seit vielen Jahrzehnten fest verwurzelt. Der Fluglärm hat sie genauso wenig vertrieben wie die immer dichtere Besiedelung. Früher war die fast 200 Jahre alte Stieleiche nur eine unter vielen im Stadtwald. Heute mündet unter der mächtigen Krone des Naturdenkmals der Obere Schafhofweg in den Sachsenhäuser Landwehrweg.

Die „Paradieseiche“, wie sie auch genannt wird, ist auch das Wahrzeichen des Tennisklubs „Lichtluftbad“, der schon seit 1905 hier sein Gelände hat. Jim Niederhöfer ist Vorsitzender des Clubs und spielt am Vormittag ein paar Bälle mit dem langjährigen Mitglied Peter Brett. Auch sie genießen die besondere Lage in der Stadt. „Früher wurde hier Prell- und Faustball gespielt“, erzählt Brett. Tennis sei erst später gekommen. Und Niederhöfer ergänzt: „Heute heißt unser Motto ,Aufschlag im Grünen‘.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Zufallstreffer

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