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Galopprennbahn Frankfurt Ein Ort von nordkoreanischer Trostlosigkeit

Eigentlich herrscht Totenstille auf dem ehemaligen Rennbahn-Gelände. Doch kaum verschenkt die Stadt die alten Klappsitze, kommt wieder Leben in die Bude.

Galopprennbahn
Steinar (5) wollte unbedingt den Klappstuhl Nummer 19 haben, weil er am 19. September Geburtstag hat. Foto: Michael Schick

Einst war hier Leben. Einst wurde hier gezittert, geklagt, gelacht, gehofft, während man dem Einlauf von Modesty Blaise und Irma la Douce entgegenfieberte. Einst wurden hier Vermögen gewonnen oder alles verloren. Einst wettete man hier auf Sieg oder auf Platz.

Jetzt ist die Rennbahn ein Ort von nordkoreanischer Trostlosigkeit – der Rasen verwuchert, die Tribüne verwittert, das Leben verstorben. Aber an diesem Samstagmorgen weht dort wieder ein Hauch von Leben, ein wohl letztes Mal geht der Geist der alten Rennbahn um.

Beschworen hat ihn die Stadt, die „interessierte Sportvereinsvertreter“ für diesen Morgen eingeladen hatte, „die einmalige Gelegenheit“ zu nutzen, „eine große Zahl robuster Klappsitze für eigene Zwecke zu erhalten“. Die Tribüne wird in Bälde geschleift und noch stünden da „rund 1000 gut erhaltene grüne Klappstühle“ rum, um die wäre es doch schade, wie die Stadt meint.

Und darum ist es an diesem Morgen ein bisschen wie einst, nur auf anderem Niveau. Ein gutes Dutzend interessierter Sportvereinsvertreter sind dem Ruf der Stadt gefolgt, sie fiebern dem Einlauf der Stadträte Markus Frank und Jan Schneider entgegen. Die Sportvereinsvertreter haben alle auf Platz gewettet. Aber der Startschuss zum Rennen um den Klappstuhl fällt erst mit der Ankunft der Stadträte. Beides verzögert sich um eine halbe Stunde.

Gericht gibt Klappstühle zur Demontage frei

Ein gutes Dutzend Pressevertreter zittert in der grimmigen Morgenkälte und klammert sich an die sonst selten gehegte Hoffnung, die Stadträte mögen kommen. Ein wartender Pressevertreter filmt kältekomatös einen wartenden Sportvereinsvertreter. „Ich will auch mal zum Film“, sagt der Gefilmte, „aber nicht zum Tesa-Film.“ Das ehrliche Lachen amüsierter Sportvereinsvertreter bringt menschliche Wärme auf die Rennbahn zurück. Aber auch das Klagen kommt nicht zu kurz: Erst am Tag zuvor hatte das Frankfurter Oberlandesgericht die Klappstühle zur Demontage freigesprochen und damit ein Urteil des Landgerichts (Dezember 2016) sowie ein eigenes (Juli 2017) bestätigt. Die Stadt, so der Schiedsspruch, sei spätestens seit September 2017 wieder Besitzer des Rennbahngeländes samt aller dort befindlichen Klappstühle und könne mit diesen nach Belieben walten. Jetzt gibt es keinen Klagegrund mehr, denn die Stadträte sind doch noch eingetroffen, Ersthelfer verarzten Pressevertreter mit heißem Kaffee, aber die in zahllosen Auswärtsspielen gestählten Sportvereinsvertreter kennen keine Winterpause und schrauben los.

Die eine Hälfte der Sportvereinsvertreter vertritt den RSV Weyer, den der Rest der Gruppenliga Wiesbaden als „Die Macht vom Weilersberg“ fürchtet. Die andere vertritt die Spielvereinigung 07 Hochheim, die den Aufstieg aus der Kreisliga Maintaunus im Visier hat. Beide Teams sind etwa gleich stark. Aber die Hochheimer haben einen Akkuschrauber dabei. Dürfen sie, sagen die Stadträte, die als unparteiisch gelten, weil Frankfurter Sportvereinsvertreter kein Interesse an Klappstühlen zu haben scheinen. „Waren aber eingeladen“, beteuert Stadtrat Frank.

Nach wenigen Schraubminuten liegt der RSV Weyer unaufholbar hinten. „RSV 1918 Weyer“, korrigiert ein interessierter Sportvereinsvertreter. Die Klappsitze schenke der Verein sich selbst zum 100. Vereinsjubiläum. Die Macht vom Weilersberg ist stark in ihm und erspart den Akkuschrauber. So habe man auch die Stehtribüne gebaut in dem Ortsteil des Marktfleckens Villmar nahe Runkel. 150 Klappsitze sollen die nun zur Sitztribüne machen. Genug seien ja da. Und grün seien sie auch, passend zu den Vereinsfarben Grün und Weiß. Nur beim Zustand der Klappsitze hat die Stadt geflunkert, der ähnelt dem von Ozzy Osbourne: steinalt, langzeitbesessen und eigentlich nicht mehr auf Stadionniveau – aber zumindest momentan trocken und generell auch weniger Gebrauchsgegenstand als vielmehr stetes Mahnmal daran, dass früher tatsächlich alles besser war.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Rennbahn

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