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Rotlintstraßenfest In der Zeitkapsel

Das Rotlintstraßenfest der Grünen im Frankfurter Nordend erinnert daran: Früher war alles besser und vieles aus Holz.

Strassenfest
Prost: Anwohner und Leute aus dem Viertel feiern jedes Jahr gemeinsam in der Rotlintstraße. Foto: Renate Hoyer

Ach, das waren noch Zeiten! „Wir kaufen Schallplatten“, informiert ein großes Plakat an einem Feststand, an dem diese auch verkauft werden. Das war damals ja auch die eigene Devise, wenn nicht gar Lebensaufgabe. „Wem sin die Platte?“, fragt ein potenzieller Kunde in gepflegtestem Hessisch, aber niemand fühlt sich bemüßigt, ihm zu antworten, weil Kapitalismus ist scheiße.

Im Hintergrund trällert der Frankfurter Beschwerde-Chor eine noch sozialkritischere Version von „Mackie Messer“. Hier ist der Schokokuchen biologisch abbaubar und die Wurst vom glücklichen Schwein. Würde hier und jetzt der Deutsche Bundestag gewählt, die AfD scheiterte krachend an der Fünf-Prozent-Hürde. Die CDU vermutlich auch. Es ist hier vielleicht nicht so, wie es in der alten Bundesrepublik war. Aber so, wie es hätte sein sollen.

Moden kommen und gehen. Das Rotlintstraßenfest aber altert nicht. Höchstens seine Besucher. Man kann natürlich auch sagen, dass sie mit der Zeit gehen. Ein alter Indianer mit prächtigem Federschmuck glotzt völlig ungläubig in ein hochmodernes I-Phone.

Die Geister darin versuchen ihm weiszumachen, Ulm habe soeben ein Tor geschossen. Schlechte Medizin des weißen Mannes! So was hat es damals mit Hölzenbein nicht gegeben!

Alles andere aber schon. Die Flohmarkttische biegen sich unter der Last von abgewetztem Holzspielzeug, zerlesenen lustigen Taschenbüchern – und Langspielplatten. Der Hesse am Plattenstand hat sich mittlerweile selbstständig ein Exemplar seines Interesses gegriffen. Das Produkt der Firma K-tel enthält „The best of today’s Rock-Music“, etwa „Blinded by the Light“ von Manfred Mann’s Earth Band.

Von überall her wehen wohlriechende Düfte aus der Küche aller Menschen Länder. Ehrliches, einfaches, fair gehandeltes Weltessen. Hier verkaufen keine Bart- & Dutt-Träger dünnes Craftbeer, um Startkapital für ihren Fixie-Laden zu sammeln. Hier haben die Initiativen für freies Internet, freien Funk oder freie Schulen Lufthoheit. Hier fährt man standesgemäß mit Pluderhose und Fahrrad vor. Und wenn nicht, dann wenigstens auf einer Harley mit Holzsattel, wie sie ganz oben in der Egenolffstraße parkt.

Ganz unten, wo die Rotlintstraße in den Friedberger Platz mündet, tun die Grünen so, als sei in den letzten Jahrzehnten nichts Schlimmes passiert. Bürger - wie etwa die zufällig anwesende Nordend-Grün-Ikone Jörg Harraschain – fragen, Politiker – wie etwa der geplant anwesende – Landesminister Tarek-Al Wazir – antworten. Soeben tut der Minister den Lauschern zu deren großer Freude kund, dass Ende Oktober in Hessen nicht bloß ein hoffentlich möglichst grünes Parlament gewählt wird, sondern die Hessen wohl auch noch per Volksentscheid so unschöne Sachen wie die Todesstrafe aus der Verfassung kippen werden.

Der Frankfurter Beschwerde- Chor singt jetzt eine „Kriminal-Tango“-Version, bei der der Schuss im Dunklen Umweltschweinen und Besserverdienenden gilt. „Haste Feuer?“, fragt eine Frau in Pluderhose. Sie duzt einen, weil sie es will, nicht weil eine bescheuerte Unternehmensetikette es ihr vorschreibt. Und sie bittet nicht, weil sie nur ihr gutes Recht einfordert. Sie raucht Selbstgedrehte ohne Zusatzstoffe. Na ja, fast ohne. Aber irgendwann haben sie und ihre Genossinnen offenbar das Feuer verloren. „Warum habt ihr es so weit kommen lassen?“, möchte man sie anbrüllen und mit dem Finger auf die Welt jenseits des Rotlintstraßenfests zeigen, gibt dann aber doch bloß Feuer. Man ist ja auch selbst ein bisschen schuld.

Das „Das abenteuerliche Leben der Dinosaurier“-Buch liegt auf einem Festtisch feil. Die sind ja auch ausgestorben, hatten aber wenigstens einen Meteoriteneinschlag als Entschuldigung.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hatten wir den Eindruck erweckt, die CDU sei für den Fortbestand der Todesstrafe in der Landesverfassung. Das ist falsch.

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