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Ostend Musik als Halt

Die Band der Frankfurter Heroinambulanz arbeitet an ihrer ersten Demo-CD. Sie wird am 1. Juli bei „High Life“ im Gallustheater auftreten.

Rockband
"Morpheus Finest" tritt im Gallus auf. Die fünfköpfige Formation setzt sich aus Klienten der Heroinambulanz zusammen. Foto: peter-juelich.com

We stumbled over the scene / Searching for Heroin

Sascha beugt sich nach vorn, schließt die Augen. Seine Hände drückt er fest aufs Mikrophon. Er presst den Gesang hart durch die Kehle.

For putting some spike into our veins / Because when we’re rush on our run

Rechts zupft Eric am Bass, nickt den Kopf zum Rhythmus. Niko steht am Keyboard, dem Publikum den Rücken zugewandt.

We just felt like Jesus sons / On Heroin

Auf der linken Seite läuft Andreas J. mit seiner Gitarre langsam auf und ab. Im Hintergrund sitzt Andreas K. am Schlagzeug, den Blick starr nach vorn gerichtet.

Chorus: So we need / One fix, one fix, it kicks, it kicks / One fix, one fix, It kicks, it kicks / One fucking fix

Morpheus Finest nennt sich die Band, die im Gewölbekeller an der Grünen Straße probt. Der Name ist inspiriert von der US-amerikanischen Crossover-Band Mother’s Finest. „Aber wir sind nicht Mutters Lieblinge“, sagt der 52 Jahre alte Andreas J. und lacht, „sondern Morpheus‘.“
Morpheus ist ein Gott der Träume in der griechischen Mythologie. Die fünf Männer haben sich den Namen gemeinsam ausgedacht. Alle sind sie Klienten der Substitutionsambulanz Grüne Straße im Ostend. Alle sind seit wenigsten fünf Jahren opiatabhängig. Alle haben mindestens zwei erfolglose Therapien hinter sich. Das sind die Aufnahmekriterien der Einrichtung, in der sich derzeit rund 110 Patienten unter ärztlicher Aufsicht täglich bis zu drei Mal Heroin spritzen.
Gefliester Boden, grelles Licht, offene Leitungen und Kabel. Der Proberaum hat den Charme eines Heizungskellers. Doch für die fünf Bandmitglieder spielt das keine Rolle. Für sie ist wichtig, dass sie Musik machen können.

„In anderen Einrichtungen gibt es Bastelgruppen“, sagt Gitarrist Andreas J. „Da kommt man sich vor wie in einer Geschlossenen!“ In der Grüne Straße habe es eine „ganz andere Qualität, da kommt man sich nicht blöd vor“. Das sieht Schlagzeuger Andreas K. ähnlich: „Uns redet hier keiner rein.“

Dreimal die Woche probt die Band im Keller der Heroinambulanz. Eine Etage darüber sind sich die fünf Männer zum ersten Mal begegnet. Auch dort ist der Boden gefliest. In kleinen, blauen Plastikfächern hat jeder Klient sein eigenes Equipment für das Spritzen: Desinfektionsspray, Klebeband und einen Staugurt.

Bassist Eric sieht die Einrichtung, die seit 2003 Heroin an Schwerstabhängige ausgibt, als „Ausstiegsmöglichkeit“. „Ich wüsste nicht, wo ich sonst jetzt wäre“, sagt der 52-Jährige. Zu den Klienten zu gehören sei ein „privilegierter Status“, sagt Niko. Gitarrist Andreas J. sagt, in den 30 Jahren, in denen er abhängig aber noch nicht in der Grünen Straße war, „hat mein Gehirn ganz schön gelitten“. „Dadurch, dass ich immer dem Heroin hinterhergelaufen bin, hatte ich keine Zeit mehr für die Musik“, sagt Schlagzeuger Andreas K. „Erst jetzt habe ich gemerkt, was ich mir da genommen habe.“

Das Bandprojekt, das im Juni 2016 auf Anregung des Sozialdienstes der Grüne Straße begonnen hat, hat die fünf Männer zusammengeschweißt. Zwar gebe es immer wieder Kontakte oder Bekanntschaften unter den Klienten der Heroinambulanz. Doch, dass die Musik es vermochte, „dass so unterschiedliche Charaktere zusammengefunden haben“, wie Keyboarder Niko es nennt, findet die Band selbst bemerkenswert. Auch außerhalb trifft sie sich: einmal pro Woche vor einer Probe, sagt Schlagzeuger Andreas J., „um gemeinsam Rumpsteak zu essen“.

Auch Peter Rothkirch vom Sozialdienst der Grüne Straße sieht das Projekt sehr positiv. In der Band müssten die Mitglieder aufeinander hören, was der andere macht, lernen, sich zurückzunehmen, aber auch, sich in den Vordergrund zu stellen. „Das hat ein therapeutischen Effekt“, sagt Rothkirch. „Und das merkt man auch schon.“

Die Band hat ein klares Ziel: Am 1. Juli möchte sie beim Projekt „High Life“ der Frankfurter Fachhochschule auftreten (siehe Info-Kasten). Derzeit nehmen die Musiker dafür eine Demo-CD auf. Das Stück „Just one fix“ haben sie extra für ihren Auftritt im Gallustheater geschrieben. Der 46 Jahre alte Keyboarder erklärt, worum es in dem Text geht: „Früher waren wir immer in der Drogenszene unterwegs, auf der Suche nach Heroin. Jetzt sind wir zwar immer noch abhängig, aber nicht mehr auf einen Dealer angewiesen.“

Alle Mitglieder der Band haben eine musikalische Vergangenheit. Bassist Eric hat in den 80er Jahren in mehreren Bands in Mainz gespielt. Andi J. hat vor der ersten Probe von Morpheus Finest 30 Jahre lang keine Gitarre mehr angefasst. Niko hat als Kind „zwangsweise Klavierunterricht“ nehmen müssen. Später hat er mehrere Jahre lang Saxophon in einer Big Band in Idstein gespielt. Auch Andreas K. hat bereits als Kind gelernt, ein Instrument zu spielen.

Nur Sascha haben die Bandmitglieder gecastet. „Ich habe vorher noch nie gesungen“, sagt der 43-Jährige. Morpheus Finest habe einen Sänger gebraucht, erklärt Niko. Sascha sei der einzige gewesen, „der die Eier in der Hose gehabt hat“, sich ans Mikro zu stellen und zu singen. „Wir haben gehofft, dass er in die Rolle reinwächst – und er wird auch immer besser dabei“, sagt Niko.
„Das liegt bei mir hauptsächlich an der Liebe zur Musik selbst“, erklärt Sänger Sascha, warum er sich ans Mikro traut. Sein Vater hat in einer Schallplattenfirma gearbeitet. „Bei uns gab es immer Musik im Haus. Ich war auf zig Konzerten.“

Dann der nächste Song. Jetzt singt Niko. Das Lied „A Forest“ von The Cure. Sascha hat Pause. Er tanzt derweil, breitet die Arme wie ein Flugzeug aus und rennt durch den Proberaum, passend zum Sound der Gitarre.

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