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Nordend Moralische Verantwortung eines Stadtteils

Politiker sammeln Ideen für einen „Platz des lebendigen Erinnerns“ an der Ecke Hermesweg und Fichtestraße.

Frankfurter Nordend
Im Nordend soll der Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung gedacht werden. Foto: Monika Müller

Es war eigentlich nur ein spontaner Gedanke, den Claudia Ehrhardt äußerte. Doch er kam im Ortsbeirat 3 wie im Kulturamt und im Institut für Stadtgeschichte so gut an, dass allerlei Ideen rund um einen „Platz des lebendigen Erinnerns“ gesammelt wurden. Die CDU-Fraktionsvorsitzende hatte laut überlegt, statt einer Gedenktafel an einem Wohnhaus im Hermesweg, wo bis Mitte der 40er Jahre eine Synagoge stand, lieber den kleinen Platz an der Ecke Fichtestraße und Hermesweg umzuwidmen, an dem aktuell Container der Klingerschule stehen,

Rund um diesen Platz sind schlimme Dinge geschehen. Die Synagoge am Hermesweg 5-7 wurde zunächst zur Bezirksstelle der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ umfunktioniert, von der aus Deportationen in Konzentrationslager begannen, bis sie im Oktober 1943 vollständig zerbombt wurde. Die Klingerschule diente 1933 bis 1937 als SS-Foltergefängnis, in dem Sozialdemokraten und Kommunisten misshandelt wurden. Von 1941 bis 43 wurde in der Turnhalle gestohlenes Eigentum von im Holocaust ermordeten Juden, die im Viertel lebten, versteigert.

„Wir müssen den Platz ohnehin sanieren und umgestalten. Und es gibt so viele Spuren von jüdischem Leben in der Gegend“, sagte Erhardt. Sie fände es schwierig, an einem 50er-Jahre-Bau eine Gedenktafel anzubringen, „das ganze Ausmaß kann man sich dadurch nicht vorstellen.“ Linken-Chef Hans-Joachim Habermann schloss sich dem an.

Auch Ökolinx-Mann Manfred Zieran sagte: „Ich denke, eine Tafel wird dem Geschehen nicht gerecht.“ Zieran setzte sich für eine aktive Gestaltung des Platzes mit multimedialen Elementen und historischen Bildern ein. „Der Ort wäre ideal.“ BFF-Vertreter Hans-Georg Oeter wüsste gerne alle verfolgte Menschen der NS-Zeit in das Projekt integriert.

„Wenn man Orte wie die Klingerschule aufgreift, zeigt man, wie die Volksgemeinschaft in die Geschehnisse verstrickt war“, sagte Franziska Kiermeier, die am Institut für Stadtgeschichte die Abteilung Zeitgeschichte und Gedenken leitet. „Das Wort ist in dem Zusammenhang vielleicht unpassend, aber ich finde, die Idee hat Charme.“ Snejanka Bauer vom Kulturamt bezeichnete die Idee als wunderbar. Sie erinnerte an weitere Spuren im Osten Frankfurts, etwa die Uhrtürmchen, die eine besondere Bedeutung im Judentum haben.

Über die Finanzierung ist man sich indes nicht einig. Das Kulturamt kam vor allem in die Sitzung, um für eine Beteiligung an der Gedenktafel und für die Umzäunung einer Stele zum Gedenken an die in der NS-Zeit ermordeten Zeugen Jehovas zu werben.

FDP und Ökolinx sehen die Stadt in der Pflicht, der Wichtigkeit des Themas wegen. Die Stadt hingegen wünscht, dass der Ortsbeirat einen symbolischen Beitrag aus seinem Budget beisteuert, was Grüne, CDU, Linke und SPD unterstützen. „Das ist keine Fraktionsfrage, das ist menschliche Verantwortung“, sagte eine sichtlich emotionale Snejanka Bauer.

„Die Leute im Stadtteil haben zugeschaut, es ist ein Geschehen im Stadtteil und dafür behalten wir als Stadtteil die Verantwortung“, sagte SPD-Fraktionschef Rüdiger Koch. Ortsvorsteherin Karin Guder (Grüne) erinnerte an eine „Gedenkkultur als Stadtteilgremium.“

Die Idee zum Platz des Erinnerns wird Bauer nun ins Kulturamt tragen und auch im Dezernat diskutieren lassen. Da die Fläche allerdings noch eine Weile durch die Container belegt sein wird, warb FDP-Mann Gerhard Brandt für die schnelle Lösung Gedenktafel. Die Kosten hierfür lägen bei rund 5200 Euro. Der Ortsbeirat zeigte sich bereit, ein Drittel davon zu tragen. Ein entsprechender Antrag soll in der November-Sitzung behandelt werden. Die Jüdische Gemeinde hat sich bis Redaktionsschluss nicht zu der Idee geäußert.

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