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Nordend Ermordet in Hadamar

Ein Stolperstein im Nordend erinnert an Willy Zimmerer.

Gunter Demnig
Gunter Demnig verlegt den Stolperstein für Willy Zimmerer. Foto: epd

Vor dem Haus 41 an der Rotlintstraße im Nordend kniet der Künstler Gunter Demnig und lässt mit wenigen routinierten Handgriffen einen Stolperstein in den Gehweg ein. „Willy Zimmerer. Geburtsdatum: 16.04.1901, Todesdatum: 18.12.1944“, ist auf der glänzenden Messingplatte zu lesen, bei welcher es sich um den mittlerweile 70 000. verlegten Stolperstein handelt.

Er erinnert an den Frankfurter Willy Zimmerer, einem gelernten Kaufmann, der bereits im Alter von 18 Jahren mit schweren physischen wie psychischen Problemen zu kämpfen hatte. Dennoch lebte er bis zum Frühjahr 1944 unbescholten mit seinen beiden Schwestern hier, bis er am 17. März 1944 in die mittelhessische Heilanstalt Weilmünster eingeliefert und von dort aus in die nahe gelegene Tötungsanstalt Hadamar deportiert wurde. Dort fiel er im Rahmen der sogenannten Aktion T4, der gezielten Tötung von fast 15 000 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen, dem nationalsozialistischen Vernichtungswahn zum Opfer.

Während rund um den Stein von einigen der knapp 40 Teilnehmern weiße Rosen niedergelegt werden, erzählt der Initiator des Stolpersteins, Michael Hayse von den Recherchen zu Willy Zimmerer. Hayse ist Geschichtsprofessor an der Stockton University in New Jersey (USA), beschäftigt sich beruflich schon seit über 20 Jahren mit der Erinnerungsarbeit der nationalsozialistischen Verbrechen und ist darüber hinaus selbst mit Zimmerer verwandt.

„Das hat sich allerdings erst Anfang dieses Jahres herausgestellt, als meine Schwester Patricia Haller damit anfing, einen Stammbaum unserer Familie anzulegen“, berichtet er. Dabei kam unter anderem heraus, dass ihre Großmutter eine Cousine Zimmerers gewesen ist und dass dieser laut seiner Sterbeurkunde, an „Geisteskrankheit und Grippe in Hadamar verstorben sei“, wie Hayse weiter erzählt. Um das Leben Zimmerers zu rekonstruieren, sind die beiden nach Deutschland gereist und im Archiv der Euthanasie-Gedenkstätte Hadamar schließlich auf dessen Patientenakte gestoßen. Durch eigene Recherchen und mit Hilfe der Initiative „Stolpersteine in Frankfurt am Main e.V“ können sie nun das Gedenken an ihn aufrechterhalten. Für Hayse und Haller bedeutet die Verlegung des Stolpersteins, „dass damit ein Mensch, den wir selber überhaupt nicht kannten, niemals in Vergessenheit gerät“.

Im Hauseingang stehend begrüßt auch Anwohnerin Gabriele Lein die Verlegung des Stolpersteins direkt vor ihrer Haustür. „Ich finde die Aktion klasse, weil ich die Aufarbeitung unserer Geschichte, gerade auch für die jüngeren Generationen, unendlich wichtig finde“, so die Rentnerin. Und mit Blick auf das Erstarken rechter Bewegungen fügt sie abschließend hinzu: „Wir dürfen nicht vergessen, wozu das schon einmal geführt hat“.

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