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Innenstadt Suppe löffeln wie der Dichterfürst

Stadtteilbotschafterin Sophia Bordo ergründet mit Goethegymnasiasten in Frankfurt das 18. Jahrhundert. Station ist unter anderem das Museum für Kochkunst und Tafelkultur.

Tafelkultur
Mikael Horstmann erklärt die Tafelkultur zu Goethes Zeiten. Foto: Peter Jülich

Johann Wolfgang von Goethe soll mit fortgeschrittenem Alter gerne Suppe gegessen haben. Wie genau der berühmte Dichter und seine Zeitgenossen gelöffelt haben, probiert am Donnerstagvormittag eine fünfte Klasse des Goethegymnasiums im „Deutschen Museum für Kochkunst und Tafelkultur“ aus.

Im Dachgeschoss eines Geschäftsgebäudes im Holzgraben 4 zeigt der ehrenamtliche Kurator des Museums, Mikael Horstmann, den 30 Goetheschülern das „Suppe löffeln“ aus edlem, altem Geschirr mit Silberbesteck. Statt Suppe ist Wasser in den Gefäßen. Die Mädchen und Jungen dürfen selbst üben: den Boden des Esslöffels am Rand der Suppentasse abstreifen und mit möglichst wenig Tropfen in eine andere Tasse befördern.

Sophia Bordo, Stadtteilbotschafterin der Polytechnischen Stiftung, hatte die Idee, sich mit den Fünftklässlern auf die Spuren des Dichterfürsten zu begeben. „In der Schule wird viel zu wenig darüber gesprochen, wie das Weltbild damals war und wie die Leute gelebt haben“, sagt Bordo, die am Goethegymnasium im Westend ihr Abitur gemacht hat.

Im dritten Semester studiert die 19-Jährige Publizistik und Theaterwissenschaften in Mainz. Den Schülern hat sie bei ihrem ehrenamtlichen Projekt zunächst „grobe Fakten“ über den bekannten Sohn der Stadt vermittelt und sie Briefe mit Feder an ihre Eltern schreiben lassen. Danach ging es gemeinsam ins Goethe-Haus.

An der Station im Kochkunstmuseum, das es unter diesem Namen von 1909 bis 1937 schon einmal in Frankfurt gegeben hat und das vor zweieinhalb Jahren unter verändertem Titel wiederbelebt worden ist, tauchen die Goetheschüler ab in längst vergangene Tage des 18. und 19. Jahrhunderts.

Museums-Kurator und Knigge-Trainer Horstmann zeigt ihnen neben Verbeugungen zur Begrüßung und Verabschiedung, wie Servietten gefaltet wurden und wie das Besteck bei Tisch angeordnet war. „Gabeln lagen mit den Zinken nach unten“, sagt Horstmann, weil man sonst mit der teuren Garderobe daran hätte hängen bleiben können.

„Die Servietten reichten vom Knopfloch in der Jacke, über den Oberkörper und die Oberschenkel“, berichtet der 42-Jährige. Aus feinem und trotzdem festem Damast-Gewebe hergestellt, sollten die langen Mundtücher Schutz für die kostbare Kleidung der Speisenden bieten.

Die opulenten Servietten am Tisch haben die zehnjährige Nina beeindruckt. Genauso wie die „riesigen Kleider“, die Damen zu Lebzeiten des Dichters getragen hätten. Die elfjährige Linh sagt: „Ich war erstaunt, dass Goethe ein Puppenhaus hatte“. Das habe sie im Goethe-Haus entdeckt. Puppen seien bei Jungen heutzutage allgemein ja eher verpönt.

Dass Mädchen früher „nicht lernen durften, sondern nur die Jungs“, findet Linh ungerecht. In dieser Epoche zu leben, könne sie sich kaum vorstellen: „Ich mag Schule, Schreiben und Rechnen zu lernen“. Außerdem sagt das Mädchen: „Mir würde mein Elektronik-Kram fehlen“.

Stadtteilbotschafterin Bordo sagt: „Goethe ist jemand, den ich als Universal-Genie total schätze“. Sie wolle eine Grundlage bei den Gymnasiasten schaffen und Lust auf seine Literatur machen, die in einigen Jahren mal Thema im Abi sein könnte. Als nächstes will Bordo mit den Goetheschülern das Willemer-Häuschen und dessen Ziergarten am Mühlberg erkunden, indem sich Goethe mit Marianne von Willemer getroffen hat. Zum Abschluss ist ein Schulfest mit den zusammengefassten Erkenntnissen zu Goethe und seiner Epoche geplant.

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