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Frankfurt Wem gehört das Nordend?

Feiernde ärgern Anwohner, die letzten Oasen werden gegen Neubauten verteidigt und Pendler verschmutzen die Luft für Anwohner - im Nordend müssen viele Interessen vereint werden.

Im Nordend, mit fast 53 000 Anwohnern auf 463 Hektar, gibt es viele Kompromisse und kleine Kämpfe um den eigenen Raum in der Stadt. Foto: Monika Müller

Wem gehört der Stadtteil? Und inwiefern ist Gemeininteresse vertretbar, wenn Einzelinteressen dadurch eingeschränkt werden? Im Nordend, einem der am dichtesten besiedelten Stadtteile in Deutschland, gibt es Nutzungskonflikte auf nahezu allen Ebenen.

Beim Stoffel und auf dem Friedberger Markt wollen Bürger und Gäste feiern, während sich Anwohner in ihrer Ruhe gestört fühlen. Sind die einen auf der Suche nach Wohnraum, kämpfen andere gegen die Bebauung einer der letzten grünen Oasen des Stadtteils mit dem Innovationsquartier. Wollen Investoren die Standortvorteile nutzen, um mit teuren Immobilien Geld zu machen, leiden alteingesessene Mieter unter Vertreibung und Luxussanierung. Nutzen Pendler die Friedberger Landstraße als Einfallstraße, kritisieren Anwohner die Schadstoffbelastung und fordern einen Ausbau der Fahrradwege.

Im Nordend, mit fast 53 000 Anwohnern auf 463 Hektar, gibt es viele Kompromisse und kleine Kämpfe um den eigenen Raum in der Stadt. Diese Kämpfe wurden bereits vor rund 50 Jahren ausgetragen. In den 70er Jahren galt das Nordend als heruntergekommen und wenig attraktiv. Hier siedelten sich viele linke Studenten an, um gegen die Vertreibung im Westend zu protestieren, wo Luxusbauten entstanden, und Häuser zu besetzen.

Der Sponti-Szene gehörten einige spätere Grünen-Politiker an, darunter der ehemalige Außenminister Joschka Fischer, der Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit sowie Jutta Ditfurth (inzwischen Ökolinx) und Jutta Ebeling. Während einige für die Karriere das Nordend verließen, ließen sich andere wie Jochen Vielhauer nieder und kauften Eigentum vor Ort. Auch deshalb ist die grüne Basis heute noch so stark im Nordend, seit Jahrzehnten stellt die Fraktion den Ortsvorsteher, geboren viel mehr aus einer linken Bewegung als aus Umweltschutzgründen.

In den Jahren des Niederlassens begann auch die Aufwertung des Viertels. Anwohner, engagiert seit jeher, um jeden Baum kämpfend, setzten sich aktiv für die Gestaltung ein. Das Nordend ist inzwischen hip, hat viele auch spezielle Einzelhändler etwa an Oeder Weg, Berger Straße und Sandweg, eine umfangreiche Gastronomie und eine gewachsene Kreativszene mit vielen Events, etwa dem Stoffel im Günthersburgspark. Dabei wird jeden Sommer vier Wochen lang laute und leise Musik gehört, Sport gemacht und gepicknickt.

Oder eben der Friedberger Markt am Freitag, den sich nach und nach auch Hipster und Feierwillige von anderswo eroberten. Aber die Nordendler wären nicht die Nordendler, wenn sie nicht reagierten. Sie suchen sich andere Plätze im Viertel, Stadtteil-Plätze, derzeit etwa den Matthias-Beltz-Platz.

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