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Frankfurt-Seckbach Gedächtnis der Budge-Stiftung

Das Altenheim der Henry und Emma Budge-Stiftung verfügt nun über ein eigenes Archiv. Darin soll die wechselseitige Geschichte der 1930 eröffneten Einrichtung erlebbar werden.

Henry und Emma Budge-Stiftung
Historiker Volker Hütte im neuen Archiv der Henry und Emma Budge-Stiftung mit Schätzen von einst. Foto: Rolf Oeser

Volker Hütte zeigt auf sein Lieblingsexponat: ein kleines, ledergebundenes Buch mit silberner Spange. Es gehörte Berta Budge, der Schwester von Henry Budge. Darin sammelte sie Ende des 19. Jahrhunderts ihre handgeschriebenen Lieblingsgedichte.

Das Büchlein ist eine von vielen Kostbarkeiten, die im neuen Archiv der Henry und Emma Budge-Stiftung schlummern – einem winzigen, fensterlosen Raum im ersten Stock des Altenheims an der Wilhelmshöher Straße. „Ich wusste zunächst gar nicht, was in diesem Raum überhaupt gesammelt wird“, sagt Geschäftsführer Thorsten Krick.

„Das war bis vor einigen Jahren ein Abstellraum“, erinnert sich Hütte. Dann begann der Historiker und freie Journalist, darin das Archiv zu errichten. Die Initiative ging vom Arbeitskreis „Erinnern und Gedenken“ aus, dem Bewohner und Mitarbeiter der Budge-Stiftung angehören. Finanziell unterstützt wurde das Vorhaben durch eine Bewohnerspende.

Ein Tisch, ein Computer und zwei Regale – mehr passt in das Kämmerlein nicht hinein. Dort lagern 34 Kartons mit diversen Mappen aus säurefreiem Papier. Aufgeteilt in drei Kategorien gibt es Bücher und Tonträger, Fotografien und historische Dokumente, Zeitungsartikel und Interviews sowie Erinnerungsstücke ehemaliger und aktueller Bewohner. Hütte spricht stolz vom „Gedächtnis der Budge-Stiftung“, die sich nun einreihe in eine Liste großer und namhafter Stiftungen, die alle über ein eigenes Archiv verfügten.

Das Sammelsurium enthält Anekdoten – etwa jene, dass Stiftungsgründer Henry Budge sich immer aufs Mittagessen gefreut und gerne drei oder vier Portionen verschlungen habe. Ein gebundener Katalog listet alle Kunstgegenstände auf, die im Haus von Emma Budge lagerten und nach ihrem Tod zwangsversteigert wurden. „Es war die teuerste Sammlung von Kunstgegenständen in Deutschland“, betont Hütte. „Das Buch ist von unschätzbarem Wert.“
Darüber informiert Hütte am Mittwoch im Festsaal der Budge-Stiftung, als er das Archiv der Einrichtung übergibt. „Das ist heute das Ende einer Reise“, sagt er. Sie begann vor zehn Jahren, als im Institut für Stadtgeschichte das Hausstandsbuch des 1930 am Edingerweg eröffneten Budge-Heims aufgetaucht war.

Der Glücksfund war der Startschuss für die Aufarbeitung der hauseigenen Geschichte. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass zwischen 1930 und 1939 insgesamt 23 Juden im Heim lebten, die dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer fielen. Für sie schufen Hausbewohner vor fünf Jahren eine Gedenkstätte mit Stelen, nur wenige Schritte vom Haupteingang entfernt.
Mit dem neuen Archiv, das von kommender Woche an öffentlich zugänglich sein soll, schließt sich für Volker Hütte ein Kreis: „Wir können nun herleiten“, sagt er, „dass die Nazis die Stiftung zuerst erpresst und dann schamlos ausgenutzt haben.“

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