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Frankfurt-Nordend Ein Viertel im Wandel

In den 70er Jahren zogen viele Studenten ins Frankfurter Nordend. Einige sind dageblieben und kämpfen jetzt mit hohen Mieten - doch über das eine oder andere neue Café freuen sie sich trotzdem.

Sasa Pelesich
Hier legt der Chef noch selbst Hand an: Sasa Pelesich steht hinter der Theke in seinem Café „Im Glück“ in der Gluckstraße 17 im Nordend. Foto: Michael Schick

Würde man den Frankfurter Stadtplan mit einer Dartscheibe vergleichen, wäre das Nordend wahrscheinlich das Bulls-Eye. Das Viertel liegt im Herzen von Frankfurt - ein Volltreffer also. Böse Zungen behaupten, dass sich das ehemalige Studentenviertel zusehends in eine Frankfurter Version der Berliner Hipsterviertels „Prenzlauer Berg“ und „Friedrichshain“ entwickelt – mit Soja-Chai-Latte und Vinyasa-Flow-Yogastudios.

Entgegen den Gerüchten, es gebe im Nordend nur noch luxussanierten Altbau mit Dielenboden stoßen wir an unserem Startpunkt in der Wielandstraße aber auf einen grauen Betonkasten aus den 50er Jahren. Und anders als zu erwarten, hängt aus dem Fenster auch kein „Free-Tibet“-Wimpel. Stattdessen steht auf der Fensterbank ein eher spießbürgerlich bestückter Blumenkasten – zu allem Überfluss steckt darin auch noch ein Deutschlandfähnchen. Das Gerede über das von gut betuchten Grünen-Wählern durchgentrifizierte Nordend – alles nur Lug und Trug?

Nach einer halben Stunde erfolglosen Nachfragens (Ich: „Guten Tag, ich bin von der Frankfurter Rundschau.“ Er: „Schön für Sie.“) treffen wir jemanden, der es wissen muss. Vor seiner Wohnungstür in der Wielandstraße 39 erzählt Diethard Behrens, wie sich seine Nachbarschaft über die Jahrzehnte gewandelt hat.

Behrens kam als junger Mann nach Frankfurt, um hier Soziologie zu studieren und zog 1979 ins Nordend. „Auch Adorno habe ich am Anfang noch mitbekommen“, erzählt er. Viele junge Menschen zog es zu der Zeit in die Stadt am Main, um Adornos Ausführungen zur kritischen Theorie in völlig überfüllten Hörsälen zu lauschen. Und wegen der günstigen Mieten entwickelte sich das Nordend damals schnell zu einem beliebten Studentenviertel.

In den letzten Jahren habe sich die soziale Zusammensetzung stark verändert, erzählt Behrens. „Man muss nur mal gucken, wie viel dicke Autos jetzt hier rumstehen.“ Darüber hinaus würden immer mehr Mietshäuser verkauft und dann in Häuser mit Eigentumswohnungen verwandelt. „Da muss schon ein gewisses Einkommen dahinterstehen“, sagt der Soziologe im Ruhestand – wobei Ruhestand streng genommen ungenau ist, denn er lese und schreibe immer noch viel, erzählt Behrens.

Die vielen mittelständischen Handwerksbetriebe hätten zusehends Cafés, Bars und Kneipen weichen müssen, sagt er über das Nordend. Ein positiver Nebeneffekt: Es gebe jetzt besseren Kaffee als früher, auch das kulinarische Angebot sei gewachsen – und es sei nicht so, dass im Nordend nur Luxusläden entstünden, auch für Menschen mit einem geringeren Einkommen sei etwas dabei, sagt Behrens.

Davon können wir uns im Café „Im Glück“ in der Gluckstraße 17 überzeugen. Hier bekommen der inzwischen halberfrorene Schreiber und der etwas kälteresistentere Fotograf einen Cappuccino auf Kosten des Hauses. Wer nicht in den Genuss eines Freigetränks kommt, muss dafür sonst 2,50 Euro bezahlen – auch nicht mehr als anderswo in Frankfurt.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Zufallstreffer

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