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Die Altstadt-Rekonstruktionen Die „Goldene Waage“: Prunkstück vor dem Dom

Die Goldene Waage ist das prachtvollste Haus der neuen Altstadt von Frankfurt. In mühevoller Kleinarbeit wurde es so detailgetreu wie möglich nachgebaut – ganz fertig ist es noch nicht.

Goldene Waage
Die Goldene Waage ist das prachtvollste Haus der neuen Altstadt. In mühevoller Kleinarbeit wurde es so detailgetreu wie möglich nachgebaut – ganz fertig ist es noch nicht. Foto: peter-juelich.com

Früher ließ sich von hier oben bis zum Taunus, in den Odenwald und über die Dächer der Stadt blicken. Heute stoppt die Skyline das Auge. Das Belvederchen auf dem Dach des Altstadthauses Goldene Waage ist noch nicht ganz fertig, aber schon jetzt wünscht man sich, die Sommerabende hier zu verbringen. Der kleine, begrünte Dachgarten sollte schon im 17. Jahrhundert, als das Haus gebaut wurde, den Bewohnern ein wenig Kühlung und Ruhe von den wuseligen Gassen verschaffen. Der Brunnen dort oben, einer Grotte nachempfunden, ist noch im Werden, aber Bergkristalle formen bereits die Erde, blaue Steine bilden den Himmel, goldene die Sterne. „Zwei Restauratorinnen, die Erfahrung im Grottenbau haben, kümmerten sich eigens darum“, erklärt Jochem Jourdan, der Architekt des Gebäudes. Ein paar Stufen weiter oben lädt eine überdachte Laube zum Ausruhen ein.

Das Haus zur Goldenen Waage, gegenüber dem Dom, mitten auf dem Krönungsweg gelegen, ist das Prunkstück der neuen Altstadt und eines von 15 original nachgebauten Häusern. Es war eines der bedeutendsten Renaissance-Fachwerkgebäude der Stadt, bevor es im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Eigentümer Abraham van Hamel und seine Ehefrau Anna van Litt kamen als Glaubensflüchtlinge Ende des 16. Jahrhunderts aus den spanischen Niederlanden nach Frankfurt. Der wohlhabende Gewürzhändler und Zuckerbäcker ließ von 1616 bis 1619 das Haus für sich und seine Familie errichten. Sie wohnten im Vorderhaus, im hinteren Teil lebten die Angestellten.

Im Gegensatz zu anderen Gebäuden aus dieser Zeit ist das Haus gut dokumentiert. Es gibt alte Pläne, Zeichnungen und Fotografien, die das Rekonstruieren leichter machten. Stadtforscher und Künstler Carl Theodor Reiffenstein etwa habe im 19. Jahrhundert Hunderte Aquarelle vom alten Frankfurt gemalt, sagt Jourdan. So auch von der Goldenen Waage. Jourdan recherchierte, welche Bauteile noch existierten, forschte im Stadtarchiv, im Historischen Museum, wo einige Originalteile lagerten. Im Archäologischen Garten des ehemaligen HR-Intendanten Eberhard Beckmann in Dreieich wurde er ebenfalls fündig. Dort waren Teile aus dem Trümmerschutt verbaut, einige der Spolien etwa. Die wertvollen Konsolen und Porträts wurden ausgebaut, andere anhand des Originals aufgearbeitet.

Wie sich erahnen lässt, ist der Aufwand, der für den Wiederaufbau betrieben wird, enorm. „In ihm steckt sehr viel Handwerkskunst“, sagt Jourdan. Zahlreiche Steinmetze, Schmiede und Zimmerleute fertigten in jahrelanger Arbeit diverse Bauteile an. Jourdan hat sich tief in die Geschichte des Hauses eingearbeitet, kennt jede Anekdote. So weise die Goldene Waage etwa zahlreiche künstlerische Verbindungen in die Heimat der Hauseigentümer auf. Die Löwenköpfe mit Ringen finde man so auch am Rathaus in Antwerpen.

Der Reichtum seiner Bewohner zeigte sich auch durch die üppig verzierte Fassade. In den Sockel aus rotem Mainsandstein seien Formen geschlagen worden, die an Diamanten erinnerten, sagt Jourdan und zeigt auf die eckigen Muster. Über den großen Fenstern im Erdgeschoss sind geschmiedete Gitter mit vergoldeten Verzierungen angebracht. Drei von ihnen sind 400 Jahre alt, die anderen wurden rekonstruiert. Erstere überdauerten im Historischen Museum mit anderen Überbleibseln den Krieg. Die Porträts der Besitzer sind ebenfalls in Stein gemeißelt an der Hauswand zu finden. Der Hausherr trägt einen französischen Schnauzer, seine Frau wurde mit einer Frisur, die zeigte, dass sie verheiratet ist, dargestellt. Wer genau hinsieht, findet auch die Initialen der beiden, die in einem Allianzwappen prangen. „Das zeigt gleichzeitig, dass beide gleichberechtigte Besitzer waren“, sagt Jourdan.

Auffälliger für den Betrachter, ist die Hand, die sich aus dem Haus herauszustrecken scheint und die Goldene Waage hält. Ebenso wie die wasserspeienden goldenen Drachen am Ende der Regenrinne. Die nicht chinesisch seien, wie immer wieder behauptet werde, stellt Jourdan klar.

Die kunstvoll geschnitzten Ornamente an den Eckbalken leuchten türkis, blau rot und golden. Restauratoren fanden diverse Farbspuren an alten Teilen, so dass man davon ausgehen könne, dass sie bunt bemalt gewesen seien, erklärt Jourdan. Nach oben hin schließt das Haus mit einem sogenannten rheinischen Wellengiebel ab. Die Balken sind hier nicht gerade, sondern geschwungen.

Im Inneren der Goldenen Waage werkeln noch Handwerker, der Boden und das Treppenhaus sind abgedeckt. „Die unteren zwei Geschosse haben eine Deckenhöhe von rund fünf Metern“, so Jourdan. Im Erdgeschoss war einst die Kaufhalle, sie hatte keine Fenster, lediglich Klappläden, die geschlossen werden konnten. Außerdem war eine Empore eingebaut, die soll noch folgen. Schon jetzt sieht man die kunstvolle Stuckdecke, vier Embleme zeigen die Jahreszeiten. Hier wird Gastronomin Birgit Zarges ein Café eröffnen.

Jourdan begann 2013 mit der Planung der Goldenen Waage. Die Fertigstellung habe sich verzögert, was vor allem an der komplexen Haustechnik liege, sagt Jourdan. Im 17. Jahrhundert war das Haus quasi Lowtech. Es gab kein fließendes Wasser, nur einen Brunnen im Keller, keine Toilette, stattdessen wurden die Fäkalien jeden Morgen in Eimern abgeholt. Statt an einer Heizung wärmte man sich am Kamin und Kachelofen, lediglich Kerzen spendeten Licht. Beim Nachbau mussten aber die heutigen technischen Anforderungen bedacht und umgesetzt werden. Im Herbst soll nun alles fertig sein.

In den oberen Stockwerken wird das Historische Museum sechs möblierte Räume einer wohlhabenden Bürgerfamilie im 17. Jahrhundert nachbilden. Das Museum hatte das gesamte Mobiliar schon vor den Bombenangriffen gerettet. Nun wird es wieder gezeigt. Im Hinterhaus zieht das Stoltze-Museum ein. Ab Oktober können die ersten Besucher die Räume bewundern und vom Belvederchen auf das neue Viertel schauen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Neue Altstadt Frankfurt

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