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Altstadt in Frankfurt „Nationalismus ist auf dem Vormarsch“

Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseum, und Kurator Philipp Sturm sprechen im FR-Interview über die neue Frankfurter Altstadt und darüber, welche Bedeutung der Rechtspopulismus für die Architektur hat.

Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum
So sah es vor der neuen Altstadt aus, als das Technische Rathaus noch stand: Peter Cachola Schmal (r.) und Philipp Sturm in der Ausstellung zur Altstadt. Foto: Christoph Boeckheler

Bei diesen Gebäuden gibt es architektonische Qualität?
Sturm: Ich sehe da jedenfalls größere Qualität als im Maintor-Viertel.

Es gibt das Zauberwort Bilbao: Eine vorher ziemlich unbekannte baskische Stadt, die dann durch ein modernes Bauwerk, in diesem Fall ein Museum, weltweit berühmt wurde. Hätte man nicht anstelle der Altstadt ein Bilbao schaffen können, also ein modernes, prägendes Gebäude?
Schmal: Der Bilbao-Effekt wurde schon öfter kopiert. Frank Gehry entwarf damals vor zwanzig Jahren eine Dependance des Guggenheim-Museums. Das waren glückliche Fügungen. Frankfurt ist aber nicht mit Bilbao vor dem Gehry-Bau zu vergleichen.

Aber ist nicht die Altstadt eine Niederlage für die zeitgenössische Architektur?
Sturm: Ja, ganz klar.

Das muss Sie doch schmerzen, oder?
Schmal: Uns geht es so gut wie nie zuvor in Deutschland. Wir stehen da in fantastischer Verfassung. Aber die Stimmung, die sich einfangen lässt, ist Angst. Angst vor dem Absturz aus einer sehr guten Position. Wir schauen nicht mit Freude in die Zukunft. Der ganze Westen nicht. So sieht unsere Architektur dann eben auch aus.

Wie sehen Sie die Qualität des öffentlichen Raums in Frankfurt?
Sturm: Es kommt immer auf die Vorgaben der Politik an. Die Politik will zum Beispiel, dass keine Bänke im öffentlichen Raum stehen, damit sich keine Obdachlosen darauf niederlassen.
Schmal: Gerade junge Leute behandeln den öffentlichen Raum in Frankfurt nicht gut. Das beste Beispiel sind die Grünanlagen am Main. Ist es Ignoranz oder Protest, warum sie den öffentlichen Raum vermüllen?
Sturm: Da widerspreche ich. Das Problem der Grünflächen am Main ist nicht, dass junge Leute zu viel Müll hinterlassen. Es gibt viel zu viele Volksfeste am Main, es stehen viel zu viele Fressbuden im Grün dort rum. Das ist für den Naturraum viel gefährlicher als ein paar Pizzakartons.

Wer trägt die Schuld daran?
Schmal: Ich glaube, die Stadt und einzelne Interessengruppen wollen solche Veranstaltungen. Aber die Stadt zahlt drauf am Ende.

Zurück zur Altstadt. Begründet sie einen Trend in Deutschland?
Sturm: Dieser Trend ist schon da. Nach der Wende 1989 begann der Wiederaufbau der Städte im Osten Deutschlands, von Dresden bis Potsdam.
Schmal: Es gibt eine weltweite Rekonstruktionswelle. Nationalismus ist auf dem Vormarsch. Es wird deshalb in vielen Ländern rekonstruiert. Ein gutes Beispiel ist Georgien, der Ehrengast der diesjährigen Buchmesse. Da wurde beim Rekonstruieren viel Authentisches zerstört.

Der Rechtspopulismus scheint unaufhaltsam zu sein.
Schmal: Wir wissen noch nicht genau, wohin das in der Architektur und im Städtebau führt. Länder wie Ungarn, Polen oder Österreich lassen noch keine formalen Tendenzen erkennen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Neue Altstadt Frankfurt

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