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Altstadt in Frankfurt Mit der Wurst in die Alt Eul’

Ernst Gerhardt hat als Kind die Frankfurter Altstadt erlebt, als junger Mann war er Zeuge der Zerstörung, und als Kommunalpolitiker hat er die Debatten um das Areal begleitet. Ein Auszug aus dem neuen FR-Geschichtsheft.

Altstadt in Frankfurt
Einstiger Messehof: das Goldene Lamm mit den Galerien rund um den Innenhof. Foto: Renate Hoyer

Vor dem Aufbruch überlegt er kurz, ob er wohl angemessen angezogen ist, so ganz ohne Weste und nur im Sakko. Draußen pendelt sich das Thermometer am Nachmittag um die 30 Grad im Schatten ein. Doch Ernst Gerhardt achtet auf Stil und eine gewisse Noblesse. Das hat der frühere Frankfurter Stadtkämmerer (1978 bis 1989) sein Leben lang getan. Vor wenigen Tagen feierte er seinen 97. Geburtstag.

Der Ehrenvorsitzende der Frankfurter CDU ist einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die Frankfurts Altstadt schon lange vor ihrer Zerstörung 1944 gekannt haben. Und seine Erinnerungen scheinen so frisch wie am ersten Tag. Der Junge aus gutbürgerlicher Familie – man wohnte in den 20er Jahren in Bornheim – pflegte seinen Vater in die Altstadt zu begleiten. „Mein Vater hatte einen Kameraden aus dem Ersten Weltkrieg – der wohnte am Römerberg und den besuchte er immer.“

Auf dem Weg ins Zentrum machten die beiden im Café Vogel in der Töngesgasse Station, auf ein Getränk, und dann ging es weiter. Die Belohnung für das Kind gab es dann in der Altstadt bei einem der Das Metzger. Gerhardt lächelt das verschmitzte Lächeln, das ihn stets kennzeichnet – durch das man sich aber nicht täuschen lassen sollte, denn dahinter steht ein eiserner Wille. „Ich hab als Kind sehr gerne Wurst gegessen – das Fleisch und die Würste hingen vor den Läden in der Altstadt an langen Haken, das war wunderbar.“ Das Kind liebte auch den Markt, auf dem Platz, der Hühnermarkt hieß – und in der neuen Altstadt nun wieder heißt. „Es gab dort auch Hühner zu kaufen, und es gab Pferdefuhrwerke.“

Frankfurter Altstadt: Wohnverhältnisse waren einst nicht gut

Im Bürgertum war die Altstadt damals nicht gerade hoch angesehen. „Sie war ein Problemgebiet.“ Der alte Mann nimmt einen Schluck vom kühlen Mineralwasser. „Die Wohnverhältnisse waren nicht gut.“ Manches Haus sei sanierungsbedürftig gewesen. Und die Stadt habe damals, in den 20er Jahren, auf Geheiß von Oberbürgermeister Ludwig Landmann mit der Sanierung der Gebäude begonnen. Und dann kommt ein pfeilschneller Satz: „Hinter dem Dom hat es übel gerochen.“

1932, Ernst war elf Jahre alt, nahm in der Altstadt eine kulturelle Attraktion ihren Anfang: die Römerberg-Festspiele. Vor der Kulisse der Altstadt wurden klassische Stücke gezeigt, „es wurden Goethe und Schiller gespielt“, und der Junge war dabei. „Ich hatte einen tollen Platz, wirklich in der ersten Reihe.“ An die Texte kann sich der 97-Jährige nicht mehr erinnern, wohl aber an die Atmosphäre. „Es fing im Sommer so an, dass man mit den Stücken in die Dämmerung kam“, er zögert und sagt: „Es war etwas Weihevolles.“ Die Schauspieler mussten sich „ohne Mikrofon“ verständlich machen: „Sie mussten immer ihre ganze Kraft einsetzen.“

Die Familie Gerhardt, das waren gläubige Katholiken, nicht anfällig für die nationalsozialistische Ideologie. „Meine Mutter ist mit mir in den Dom gegangen.“ Gerhardt stockt und sagt dann: „Die Nazizeit war für uns Katholiken schlimm.“ Mit der Machtergreifung der NSDAP begann auch die Verfolgung. Katholiken wurden verhaftet und in die Konzentrationslager verschleppt. Ein Ereignis ist Gerhardt in Erinnerung geblieben. „1935 war ein Bundesführer der katholischen Jugend zu Tode gekommen, er war im KZ zu Tode gequält worden.“

Die nationalsozialistische Stadtverwaltung erlaubte dem Bistum einen Gedenkgottesdienst im Frankfurter Dom – aber um fünf Uhr morgens. Niemand sollte etwas mitbekommen, und niemand sollte hingehen. Der knapp 14-jährige Ernst aber ging durch die Altstadt zum Dom. „Der Dom war morgens um fünf Uhr brechend voll – es war eine Demonstration unseres Überlebenswillens.“

Altstadt in Frankfurt: Nach der Arbeit ab in „Die alt’ Eul“

Drei Jahre später: Der knapp 18-Jährige ist nun Lehrling bei der Firma Braun, Elektrogeräte. Darauf ist er heute noch stolz: „Wir haben mit unseren Produkten eine Epoche eröffnet, mit modernem Design.“ Die Lehrlinge von Braun, auch Ernst, pflegten abends in der Frankfurter Altstadt zu trinken. Das lief nach einem festen Ritual ab. „Wir haben uns erst in der schönen Wursteck eine Wurst geholt, mit der sind wir dann in die Kneipe ,Die alt’ Eul’‘.“ Da gab es einen Teller für die Wurst, und die Lehrlinge tranken dazu ein Bier nach dem anderen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Neue Altstadt Frankfurt

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