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U-Bahn in Frankfurt „Umgang mit Blinden im öffentlichen Raum ist inakzeptabel“

An der Frankfurter U-Bahn-Haltestelle Fritz-Tarnow-Straße sind wichtige Hilfssignale für Blinde defekt. Ausgerechnet dort in der Nähe hat der Sehbehindertenbund seinen Sitz.

U-Bahn-Station Fritz-Tarnow-Straße
Alexandra Grünauer zeigt, wie schwer es Blinde an der Station Fritz-Tarnow-Straße haben. Foto: Rolf Oeser

Was für viele Alltagsroutine ist, stellt für Alexandra Grünbauer eine Gefahr dar: der morgendliche Weg zur Arbeit per U-Bahn. Alexandra Grünbauer ist blind. Trotz ihrer Sehbehinderung arbeitet die Frankfurterin als Lehrerin an der Hermann-Herzog-Schule am Dornbusch. Um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen, fährt Grünbauer mit der U-Bahn bis zur Station Fritz-Tarnow-Straße, muss dann die vielbefahrene Eschersheimer Landstraße queren.

Ohne fremde Hilfe schafft es die Lehrerin kaum in die Züge ein- oder auszusteigen und die Straße zu queren. An der Ampel zum Überqueren des Gleisbetts ist auf der Unterseite ein Knopf für Blinde angebracht. Drückt man diesen erfolgt eine Vibration sobald die Ampel auf Grün schaltet und ein Signalton ertönt. Theoretisch.

„Seit Monaten ist der Knopf auf der westlichen Seite der Querung defekt“, sagt Grünbauer. Der Signalton ist durch den Verkehrslärm der Eschersheimer leicht zu überhören; nach circa drei Sekunden stoppt er. „Blinde und andere behinderte Menschen können weder die Gleise, noch die Straße queren ohne sich in Gefahr zu bringen“, findet Grünbauer. Ändere sich nichts, sei es nur eine Frage der Zeit bis es zum ersten Todesfall komme.

Oliver Dietrich steigt mehrmals die Woche an der Fritz-Tarnow-Straße aus. Seit vergangenem Dezember ist der Bezirkssitz des Blinden- und Sehbehindertenbunds Hessen (BSBH) in der Eschersheimer Landstraße 325. Der alleine in Frankfurt 460 Mitglieder zählende Verein saß zuvor in der Nähe des Grüneburgwegs. „Dort war das unterirdische Queren der Eschersheimer kein Problem“, berichtet Dietrich. Da im neuen Vereinshaus im Dornbusch viele landesweite Veranstaltungen geplant seien, müsse die Anreise für Blinde dringend sicherer werden.

Gisela Becker kennt die Sorgen der Sehbehinderten. „Der Umgang mit Blinden im öffentlichen Raum ist inakzeptabel“, findet die ehemalige Stadtverordnete der Linken. Am Haltepunkt Fritz-Tarnow-Straße hat Becker drei konkrete Mängel ausgemacht: „Die Treppenstufen sind nicht markiert, die Akustik der Schaltanlagen ist defekt oder unzureichend und die U-Bahn-Türen sind nicht sicher aufzufinden.“

Alexandra Grünbauer bestätigt das. Da der Einstiegsbereich für Blinde nicht markiert ist, muss sich die Lehrerin mit dem Stock an die Türe herantasten. Schon mehrmals sei der in die Spalte zwischen Zug und Bahnsteigkante geraten und zerbrochen. „Eine Markierung im Boden sowie an den Zügen würde das Problem lösen“, sagt Grünbauer. Als Vorbild nennt sie das U-Bahn-System in Hongkong oder Singapur. Hier wird das Gleis durch Glastüren abgetrennt, die sich nur beim Einfahren der Bahn öffnen.

Nachdem die Linke im Römer Ende des Jahres eine Anfrage zum Thema stellte, reagierte das Verkehrsdezernat. In einem Schreiben sichert Klaus Oesterling (SPD) zu: „Bis zur 50. Kalenderwoche 2017 werden Markierungen an Treppenstufen hergestellt und ein taktiles Einstiegsfeld auf dem Bahnsteig nachgerüstet.“ Also bis Dezember.

Außerdem versprach der Dezernent, die Signalanlage ersetzen zu lassen – ebenfalls bis zur 50. Kalenderwoche. Getan hat sich bis heute nichts. Ein Sprecher des Dezernats verweist auf lange Lieferzeiten für Ersatzteile. In der kommenden Woche werde man zu den Verzögerungen ausführlich Stellung nehmen.

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