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Heddernheim „Es war eine Hölle“

Eine neu gestaltete Gedenkstätte erinnert jetzt an das weitgehend überbaute „Arbeitserziehungslager“ der NS-Zeit.

Gedenkstätte
Bei der Eröffnung der Gedenkstätte Arbeitserziehungslager in Frankfurt-Heddernheim. Bild: Monika Müller Foto: Monika Müller

Biegt man, von der U-Bahn-Station „Zeilweg“ kommend, in die Ludwig-Reinheimer-Straße ein, so stößt man nach knapp 200 Metern auf eine ausgehobene Lehmkuhle, aus deren Mitte eine Stahlpyramide aufragt. Das Kunstobjekt von Fressgass-Brunnen-Schöpferin Inge Hagner prägt den Stadtteil Heddernheim erst seit Kurzem. Darauf prangt in goldenen Lettern Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Es ist ein Mahnmal, das Opfern der NS-Zeit gedenkt – und es soll Passanten dazu anregen, die Treppen zum Buber-Neumann-Weg hinabzusteigen, um sich den Platz genauer anzusehen.

Rund 10 000 Menschen waren hier von 1942 bis 1945 interniert. „Es war eine Hölle am Rande Heddernheims“, sagt Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) am Samstag vor Ort. Gemeinsam mit Ortsvorsteher Klaus Nattrodt (CDU) übergibt sie die neu gestaltete Gedenkstätte „Arbeitserziehungslager Heddernheim“ der Öffentlichkeit. Tag für Tag hätten die Bewohner der benachbarten Häuser auf das Lager geblickt, Folter, Hinrichtung und Deportation beobachtet – und geschwiegen, erzählt Hartwig. Dem Ortsbeirat 8 dankt sie für sein Engagement und den langen Atem, die Gestaltung eines Teilstücks des heute weitgehend überbauten Internierungslagers seit 1983 voranzutreiben. „Dieses Verbrechen unter den Augen vieler gehört untrennbar zur Geschichte der Stadt und darf nicht ausgeblendet werden“, betont die Dezernentin.

Das Sichtbarmachen der NS-Verbrechen war das langfristige Ziel des Projekts. In den 80ern war die Gedenkstätte zunächst mit zwei unscheinbaren Informationstafeln ausgestattet worden. Seit 2008 setzte sich der Ortsbeirat für eine ansprechendere und auffälligere Neukonzeption ein. Die Verbindungstreppe von der Ludwig-Reinheimer-Straße und die Begrünung des Hangs daneben waren der erste Schritt. Später kamen zwei Kunstobjekte hinzu. Zehn Jahre dauerte es insgesamt, bis die umfassende Neugestaltung vollständig umgesetzt wurde.

Das Ergebnis: Ein würdiges Ensemble aus drei Elementen. Der letzte historische Gebäudeteil auf dem Areal, ein Gewölbekeller, der vermutlich als Arrestzelle diente, wurde als Mahnmal erhalten. Darin ist ein durch den Künstler Bernd Fischer entworfenes LED-Textlaufband montiert. Hinzu kommt der Blickfang, der schon von weitem sichtbar ist: Inge Hagners Stahlpyramide auf einem Steinsockel.

Mehr Informationen gewünscht

Nicht für jeden ist das die ideale Umsetzung. Christa Fischer, die das Projekt Stolpersteine in Heddernheim vertritt, findet die Neugestaltung ansprechend, hätte sich jedoch mehr Informationen gewünscht. „Die Schautafeln hätten nicht durch die Pyramide ersetzt werden müssen, sie hätten diese sinnvoll ergänzt“, findet sie. Wer nur die Pyramide wahrnehme, erfahre nichts über die Geschichte des Ortes. Die historischen Hintergründe werden erst auf dem Lichtband ersichtlich.

Rund zwei DIN-A4-Seiten Text sind es, die hier Zeile für Zeile abgespielt werden. Die rot leuchtenden Lettern laufen über schwarzen Untergrund, so dass es wirkt, als schienen sie direkt aus dem Gemäuer der ehemaligen Arrestzelle. Das hat einen hypnotischen Effekt, der den Betrachter bis zum Textende einnimmt.

Hier erfährt man, dass die meisten Zwangsarbeiter, überwiegend Männer, aus von der deutschen Wehrmacht besetzten Ländern stammten. Haftgründe waren unter anderem die Verweigerung des „Deutschen Grußes“, „Arbeitsbummelei“ oder „Widersetzlichkeit“. Die Insassen des Lagers leisteten Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie, in Gewerbebetrieben, bei der Reichsbahn oder in der Landwirtschaft.

Auch die Stadt Frankfurt beteiligte sich am Ausbeutungsakt, indem sie die Gefangenen der Gestapo zur Räumung von Bombenschäden anforderte. Viele wurden später von Heddernheim, dem einzigen Arbeitserziehungslager in Frankfurt, deportiert. „Oft schufteten die Häftlinge bis zur Erschöpfung und wurden dann in die Konzentrationslager gebracht“, sagt Hartwig. Die Erinnerung an jene Opfer werde mit der nun aufgewerteten Gedenkstätte angemessen wachgehalten. Insgesamt 49 000 Euro aus dem Ortsbeiratsbudget sind in das Projekt geflossen.

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