Frankfurt Der König des Nordends

Der ehemalige Ortsvorsteher Jörg Harraschain wird 75 Jahre alt.

Jörg Harraschain
Mit Kunst wollte Harraschain 2016 die Baustelle an der Eckenheimer Landstraße verschönern. Fotograf: Rolf Oeser

Nein, er kann nicht unerkannt über die Straße gehen. Alle paar Meter wird Jörg Harraschain angesprochen, in ein Gespräch verwickelt. Meist zeigt er das für ihn typische, verschmitzte Lächeln. Seit Jahrzehnten ist der Grüne so etwas wie das Gesicht des Frankfurter Nordends. Am heutigen Dienstag feiert der frühere Ortsvorsteher seinen 75. Geburtstag. 

Ein Einschnitt, den er selbst kaum fassen kann. Wie schnell die Zeit rast. Vor kurzem ist er mit seiner Ehefrau noch einmal umgezogen, in eine kleinere Wohnung. Und hat aufgeräumt und aussortiert. Auch einige von den Büchern und Erinnerungsstücken, die sich angesammelt hatten aus einem engagierten Leben. 

Harraschain gehört zur ersten Generation der Grünen. Er hat mit dafür gekämpft, dass sie aus einer Bewegung zu einer erfolgreichen Partei wurden. Gerade das Nordend verwandelte sich in ein bundesweites Vorzeige-Viertel für die Grünen. Auf dem Höhepunkt erzielten sie dort Anteile von mehr als 40 Prozent. Dass seine Partei nach der Kommunalwahl 2016 auch im Nordend abstürzte, schmerzt ihn sehr. 

Harraschain  organisierte schon früh das Rotlintstraßenfest

Zu den besten Zeiten der Grünen wurde der Lehrer Harraschain, der mehr als zwei Jahrzehnte dem Ortsbeirat 3 angehörte, zum Ortsvorsteher gewählt. Er ist ein Organisator, ein Kümmerer. Schon früh organisierte er für die Grünen das berühmt gewordene Rotlintstraßenfest, eine Institution, die bundesweit bekannt wurde. Es war das Fest, auf dem sich alljährlich Joschka Fischer und Lutz Sikorski zeigten. Zwei Politiker, die für den jahrzehntelangen Aufstieg der Grünen standen. Der frühere Straßenkämpfer Fischer, der gerne Polizisten verprügelt hatte, wurde Bundesaußenminister. Und Sikorski stieg nach langem Anlauf zum Frankfurter Verkehrsdezernenten auf. 

Harraschain aber blieb seinem Nordend treu. Und kämpfte um kleine Verbesserungen im Alltag der Menschen. Die Begrünung der Mittelinsel der vielbefahrenen Friedberger Landstraße. Der Ortsvorsteher persönlich gießt die Blumen dort. Im Nordend wurden an den Kreuzungen vom Verkehrsdezernenten die ersten Gehwegnasen eingeführt, also mehr Raum für Fußgänger. 

Eine seiner Leidenschaften ist das Fotografieren. Er konzipierte mit seiner Gruppe „Kunst im Nordend“ etliche Ausstellungen zur Geschichte des Viertels, baute sie einfach auf den Gehwegen auf und versuchte, die Menschen in ein Gespräch zu verwickeln. Auch das Reden ist eine der Leidenschaften des Grünen. Und das Schreiben: Er hat ein Buch über sein Viertel verfasst. 
Seine Parteifreundin Jutta Ebeling, die natürlich im Quartier wohnt, hat ihn einmal „König des Nordends“ genannt. Soweit würde Harraschain nie gehen, schließlich ist er ja Demokrat und kein Royalist. Aber ein wenig gefallen hat es ihm schon.