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Eschersheim „Sieht voll behindert aus“

An der Ziehenschule in Frankfurt-Eschersheim diskutieren Gymnasiasten über Diskriminierung, Rassismus und Homophobie.

Vielfaltstag
An der Ziehenschule diskutieren die Schüler beim Vielfaltstag über Themen wie Homophobie, Antisemitismus oder Rassismus. Foto: Rolf Oeser

„Das sieht voll behindert aus.“ Wenn Sätze wie diese auf Schulhöfen fallen, machen sich viele Kinder und Jugendliche über die Bedeutung der Worte keine Gedanken. Um den Sinn der Schüler für ihren Sprachgebrauch zu schärfen, fand in der Ziehenschule am Dienstag der erste „Vielfaltstag“ statt. In sechs Workshops setzten sich 140 Schüler der elften Klasse mit Diskriminierung, Rassismus und Homophobie auseinander.

Beschimpfungen mit Worten wie „behindert“ oder „Jude“ seien in den Sprachgebrauch vieler Schüler übergegangen, erzählt Carsten Herold, Lehrer des Gymnasiums und Initiator des Vielfaltstags. Dahinter stecke aber keine diskriminierende oder rassistische Haltung, sagt er. „Die Schüler sagen das meiner Erfahrung nach unbedarft“, so Herold. Die ursprüngliche Bedeutung reflektieren die Jugendlichen nicht, so der Geschichtslehrer.

„Natürlich werden Themen wie das Dritte Reich im Unterricht behandelt. Aber mit dem Projekttag möchten wir der Thematik ein angemessenes, höheres Gewicht verleihen.“ Die finanziellen Mittel dazu stammen aus dem hessischen Schulentwicklungsprogramm „Europaschulen“, an dem die Schule teilnimmt.

Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft

„Juden müssen keine Steuern zahlen“ – von dieser falschen Behauptung habe eine Schülerin gehört, erklärte sie im Workshop des Jüdischen Museums. Manfred Levy, Leiter des Pädagogischen Zentrums diskutierte mit den Schülern, wie und warum solche Falschinformationen zustande kommen. Antisemitismus sei nicht auf Randgruppen oder Extremisten beschränkt, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen, so Levy.

In einem anderen Workshop informierten Sonja Eder und Natalie Biebl von Amnesty International die Jugendlichen über die Arbeit der Organisation, die sich für Menschenrechte einsetzt. Als die Damen den Jugendlichen einen Film zeigen, in dem vom Krieg gezeichnete Menschen zu sehen sind, sind sie ganz still.

In einem weiteren Workshop diskutierte Judyta Smykowski, Mitglied der Sozialhelden und Redakteurin bei Leidmedien.de, mit Schülern über den sprachlichen Umgang mit dem Thema Behinderung. Die Jugendlichen sollten dann beschreiben, was sie im Alltag behindert. Eine Schülerin erklärte: „Uns behindern zum Beispiel materielle Dinge, zum Beispiel Geld.“ „Jeder wird im Alltag daran gehindert, etwas zu tun“, erklärte Smykowski.

Der Wortgebrauch zum Thema Behinderung werde auch in den Medien negativ verwendet, so die Redakteurin, die in einem Rollstuhl sitzt. „Es wird zum Beispiel geschrieben, dass jemand an einer Behinderung leidet. Aber ich zum Beispiel leide nicht an meiner Behinderung. Ich habe sie, ich lebe damit“, so die Redakteurin. Nach Abschluss der Workshops arbeiteten die Schüler das am Vormittag Erlebte in ihren Klassen auf.

Die Ziehenschule ist für ein solches Projekt bestens geeignet, findet Initiator Herold. Die Schülerschaft ist sehr vielfältig, Menschen verschiedener Nationalitäten und sozialer Herkünfte kommen am Gymnasium zusammen. Der erste Vielfaltstag ist ein Testlauf, künftig soll er jährlich stattfinden. Obwohl Diskussionen um den Wortgebrauch der Schüler oft negativ behaftet sind, soll der Blick positiv sein, sagt Herold: „Schließlich können auch Reibungen zu einem positiven Ergebnis führen.“

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