Lade Inhalte...

Eschersheim Kampf um die Kunden

Die Geschäftsleute an der Baustelle Eschersheimer Landstraße müssen sich Einiges einfallen lassen, um Leute zu locken. Ihre Läden sind derzeit schwer zu erreichen.

01.09.2017 18:58
Carsten Praeg
Baustelle Eschersheimer Landstraße
Auf der Baustellen rollen derzeit nur Bagger, keine Autos und damit auch kaum potenzielle Kunden. Foto: peter-juelich.com

Bauschutt und Absperrzäune säumen die Eschersheimer Landstraße auf Höhe der Körberstraße. Bagger rollen umher, zu den anliegenden Geschäften führen Holzbretter. Immerhin ist der Bürgersteig wieder hergestellt, tags zuvor klafften dort noch metertiefe Löcher. Im Schaufenster des Feinkostgeschäfts „Meister Kleeberg“ hängt ein großes, grünes Schild: „Ab dem 4. Oktober haben wir wieder geöffnet.“

Angestellte Rosi Schwan öffnet dem Besucher, eigentlich hat sie zwangsweise Ferien. Die gläsernen Vitrinen im Inneren des Ladens sind leer, normalerweise wäre das Geschäft um die Mittagszeit gut gefüllt. Als die Geschäftsführerin Christine Kleeberg im Juni die Bagger vorfahren sah, fasste sie kurzerhand den Entschluss, bis Anfang Oktober zu schließen. Ende Oktober soll der Bauabschnitt fertig sein.

„Wir müssten unsere Frischware wegschmeißen, wenn die Kundschaft ausbleibt“, sagt Christine Kleeberg. Zum Mittagstisch kommen bis zu 40 Kunden, im Juni waren es nur noch zehn am Tag. Da der Geschäftsführerin zugleich das Gebäude gehört, hätte sie mit ihren zwei Einfahrten auch für die anderen gewerblichen Mieter zumindest die weggefallenen Parkplätze abfangen können. Weil die Eschersheimer aber gesperrt ist, fahren gar keine Autos mehr vor. Die Stammkunden sind verunsichert, Laufkundschaft gibt es wenig.

Seit die Eschersheimer in einem knapp 4,5 Millionen Euro teurem Projekt Stück für Stück umgebaut wird, regt sich der Unmut der Anwohner und Gewerbetreibenden. Trotz des Umsatzrückgangs denkt niemand ans Aufgeben. Einer von Kleebergs Mietern, die Bäckerei Heberer, hält sich wacker, auch wenn dort deutlich weniger Kunden anzutreffen sind also sonst. Gleiches gilt für die benachbarte Weinhandlung, bereits seit mehr als 20 Jahren dort ansässig.

„Natürlich macht man sich Gedanken, wie lange man noch durchhält“, sagt Inhaberin Inge Kranz. Sie befürchtet, einen Teil ihrer Stammkundschaft dauerhaft zu verlieren. Schon jetzt sei ihr Umsatz um 70 Prozent zurückgegangen, obwohl sie ihren Kunden sogar anbietet, sie zu beliefern. Um die Kundschaft zu halten, plant sie im September eine Weinprobe. Möglicher Titel des Abends? „Zähne zusammenbeißen und durch.“

Ein Stück weiter nordwärts, an der Klarastraße, muss auch die Oil-Tankstelle kämpfen. „Wir sind schließlich von den Autos abhängig“, sagt Pächterin Diana Dietrich. Inzwischen kämen nur noch wenige Kunden über die ausgeschilderte Umgehung vorbei. „Normalerweise bilden sich zum Feierabendverkehr lange Schlangen“, nun sei sie froh, wenn überhaupt noch jemand tankt. Kleine Hinweisschilder, mit dem Weg zu ihrer Tankstelle, hat sie anfangs selbst laminiert und aufgehängt.

Viele Geschäftsleute kritisieren zudem, von bevorstehenden Bauarbeiten erst spät, teils am selben Tag von der Stadt informiert worden zu sein. Die Notwendigkeit, die Eschersheimer Landstraße aufzuwerten, teilen zwar die meisten. Die Umsetzung kritisieren aber fast alle.

Kritik kommt auch aus dem Ortsbeirat 9. „Die Gewerbetreibenden werden kurzfristig mit dieser Situation konfrontiert und können keine Alternative aus der Tasche zaubern“, sagt FDP-Fraktionsvorsitzender Klaus Funk. Er regt eine städtische Finanzspritze für die betroffenen Einzelhändler an und würde sich von der Stadt mehr Selbstkritik wünschen.

„Die ersten Informationen an die Anwohner kamen tatsächlich spät“, räumt Michael Wejwoda vom Amt für Straßenbau und Erschließung ein. „Bei dem neuen Bauabschnitt gingen die Schreiben aber ein bis zwei Wochen vorher raus“, sagt Amtsleiterin Michaela Kraft. Zudem seien nun Schilder zur Erreichbarkeit der Tankstelle aufgestellt. Bei der jüngsten Ortsbeiratssitzung informierte das Straßenbauamt die Bürger über die aktuelle Situation. „Wir haben das Verfahren nachgebessert“, so Wejwoda. Künftig soll nicht mehr in beide Fahrtrichtungen gleichzeitig gebaut werden und die Eschersheimer spätestens im Dezember wieder durchgängig geöffnet sein.

Manchem Gewerbetreibenden hilft das wenig. Mohamed Katar etwa, betreibt einen Imbisswagen an der Oil-Tankstelle. Wenn die Baustelle bei ihm im Oktober ankommt, wird er wohl für einen Monat schließen. „Wenn ich daran denke, bekomme ich Haarausfall“, stöhnt Katar, der seinen Kunden Baustaub auf den Brathähnchen ersparen will. Schon jetzt sei sein Umsatz um die Hälfte eingebrochen, „drei Mitarbeiter kann ich nicht mehr bezahlen“. Ein Umzug komme für ihn nicht in Frage, dann verliere er seine Stammkundschaft. Auch für ihn bleibt wohl nur ein Hinweisschild, ab wann er wieder geöffnet hat.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen