Lade Inhalte...

Stadtgeschichte Weimarer Republik Wilde Cliquen und Psychopathen

Nach dem Ersten Weltkrieg litten viele Kinder und Jugendliche unter Armut und Verwahrlosung. Deshalb gab es eine Jugendfürsorge auch schon im Frankfurt der Weimarer Republik. Wie sie arbeitete, hat die Historikerin Kristina Matron untersucht.

So ging es 1916 bei der Kinderspeisung in der Stadthalle (Dominikanerkirche) zu … Foto: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main

Frankfurt eilt der Ruf voraus, sich als sozial besonders engagierte Stadt mit zahlreichen Programmen und Projekten um die Jugend zu kümmern. Dass es aber schon in der Weimarer Republik den Anspruch gab, ein – zunächst auf Gesundheit konzentriertes – Angebot für alle Kinder und Jugendlichen zu schaffen, ist weniger bekannt.

Die Historikerin Kristina Matron hat auf mehr als 300 Seiten zusammengetragen, wie die Jugendfürsorge sich als wichtiges Element städtischer Wohlfahrt zwischen Chancenerweiterung und Ausgrenzung bewegte, bis die Weltwirtschaftskrise dem Engagement ein Ende setzte. Das Institut für Stadtgeschichte, dessen umfangreiche Bestände die 1974 geborene Matron durchforschte, hat ihre bebilderte Studie kürzlich vorgestellt.

Darin beschreibt die Autorin, wie nach dem Ersten Weltkrieg erstmals auch Jugendliche ins Blickfeld städtischer Fürsorge rückten, nachdem diese sich zuvor vor allem um Säuglinge, Klein- und Schulkinder bemüht hatte. Im Vordergrund stand dabei die Angst vor „Jugendnot“ – die Sorge, dass viele Heranwachsende verarmen und verwahrlosen könnten.

„Repressive Elemente“

Matron bezieht sich auf Zeitgenossen, denen zufolge die Jugendlichen ganz besonders unter der Verarmung weiter Teile der Bevölkerung litten, in der „Familienwohnung durch Überfüllung gesundheitlichen und sittlichen Gefahren ausgesetzt“ waren und „vaterlos im Krieg und perspektivlos in den Wirren der Nachkriegszeit“ zu „Herumtreibern“ und Straftätern wurden: „Obdachlose, umherziehende Jugendliche, die besonders während der Weltwirtschaftskrise als ,wilde Cliquen‘ auffielen, bildeten während der gesamten Weimarer Republik eine stets präsente Gruppe in den Großstädten.“ Für sie gründete die Stadt systematisch Hilfsstellen.

Mit einer davon, der „Jugendsichtungsstelle“, die Frankfurt zur Betreuung psychisch Auffälliger bereits vor Ende des Ersten Weltkriegs 1917 einrichtete, beschäftigt sich Matron eingehend. Dabei stellt sie fest, dass der Anspruch dieser Stelle, vor allem der Förderung und Heilung der Jugendlichen zu dienen, „nur unzureichend erfüllt“ wurde und sie „deutlich repressive Elemente“ zeigte. Die „jugendlichen Psychopathen“ seien meist nicht auf eigenen Wunsch zur Jugendsichtungsstelle in der Großen Gallusstraße und anschließend in das „Heilerziehungsheim“ am Röderbergweg gekommen.

In den ärztlichen Auskünften dieser Stelle wurden laut Matron immer wieder Verbindungen zwischen körperlicher Erscheinung und Charakter geschaffen. Einem Jungen mit Minderwertigkeitskomplexen wurden etwa „das typisch kleine Mittelgesicht, die etwas kurze Nase der im Grunde unsicheren Menschen“ bescheinigt.

Darüber hinaus weist die Autorin nach, dass die „Rassenygiene ... während der gesamten Weimarer Republik Einfluss auf die Fürsorge“ hatte. Zwar seien Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit der Jugendlichen nicht möglich gewesen, doch hätten städtische Beamte schon damals teilweise Sterilisationen empfohlen, um die Zusammensetzung der Bevölkerung zu beeinflussen.

Als Ende 1929 die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise Deutschland voll erfassten, verlor die Jugendfürsorge ihre Gestaltungsmöglichkeiten. Auch die Städte waren der radikalen Sparpolitik des Reichskanzlers unterworfen. „In Frankfurt sanken die Einnahmen, während die Fürsorgelasten stiegen“, schreibt Matron. Klingt irgendwie vertraut.

Kristina Matron: „Kommunale Jugendfürsorge in Frankfurt am Main in der Weimarer Republik“, Studien zur Frankfurter Geschichte, Band 61, Henrich Editionen, ISBN: 978-3-921606-97-1, 29,80 Euro

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen