Lade Inhalte...

Stadtentwicklung in Frankfurt Rauswurf nach mehr als 50 Jahren

Das Bahnhofsviertel gilt als hipp und wird bei Investoren immer begehrter - zum Leidwesen alteingesessener Betriebe wie Tabak-Weider und die Bier-Brezel.

Bahnhofsviertel
Das kleine Tabakgeschäft Weider hat seit Jahrzehnten seinen festen Platz im Bahnhofsviertel. Foto: Christoph Boeckheler

Hilde Petersen-Weider kramt ein wenig unter dem Ladentresen, dann zieht sie ein leicht vergilbtes Blatt Papier heraus. Es ist der Mietvertrag für ihr Tabakgeschäft in der Münchner Straße 18. Der Vertrag stammt vom 13. Dezember 1964. Knapp 53 Jahre später kommt ohne Vorwarnung die Kündigung vom Gerichtsvollzieher. „Es ist keine Verhandlung vorausgegangen“, wundert sich Petersen-Weider. Einen Termin mit dem Vermieter Hersch Beker sei bislang trotz aller Bemühungen noch nicht zustande gekommen, bedauert die Ladeninhaberin.

Das Tabakgeschäft Weider war 1948 an der Hauptwache gegründet worden und 1964 an die jetzige Adresse umgezogen. Der kleine Laden im Bahnhofsviertel ist ein Unikum mit Patina. Hier werden noch hochwertige Feuerzeuge und Pfeifen repariert. In dem nur etwa 15 Quadratmeter großen Verkaufsraum türmen sich hunderte von Zippo-Feuerzeugen. Eigentlich hatte Enkel Björn Petersen den Familienbetrieb übernehmen wollen, doch nun sieht es so aus, als sei Ende des Jahres Schluss. „Viele Kunden sind traurig“, sagt Petersen-Weider. 

Auch eine Traditionswirtschaft erhält Kündigung

Die Kunden von Tabak-Weider sind nicht die einzigen im Bahnhofsviertel, die sich bald anders orientieren müssen. In der Kaiserstraße hat der langjährige Pächter der Bier-Brezel die Kündigung bekommen, ebenfalls per Gerichtsvollzieher. „Schade, dass man sich nach so langer Zeit nicht mal zusammensetzt“, sagt Michael Reichert. Sein Vater hat die schmale Bierpinte 1984 etabliert. Seinerzeit wohnte die Familie Reichert noch selbst im Haus, übte zudem die Hausmeistertätigkeit für die Liegenschaft Kaiserstraße 68 aus. Michael Reichert übernahm das Lokal 1993. Gerade vor und nach Eintracht-Heimspielen ist die Bier-Brezel gut besucht. Wegen der Nähe zum Hauptbahnhof vertreiben sich hier vor allem viele auswärtige Eintracht-Fans die Zeit bis zur Abfahrt ihres Zuges oder fahren einfach noch etwas später heim, wenn die Musik aus der Jukebox passt. Der Eintracht-Fan Club Cappeler-Adler hat der Raucherkneipe auf seiner Homepage gar einen eigenen Artikel gewidmet. Sie werden sich demnächst nach einer anderen Stammkneipe im Bahnhofsviertel umschauen müssen, denn am 30. November ist Schluss.

Reichert hat noch versucht zu verhandeln. Derzeit zahlt er für die 55 Quadratmeter gut 1800 Euro kalt. Auf die Frage, ob da nichts zu machen sei, habe der Vermieter geantwortet: Doch, für 3000 Euro mehr. „Aber 4800 Euro kann ich wirklich nicht stemmen“, sagt Reichert. 

Viertel mutiert zum hippen Ausgehviertel 

Der Vermieter wollte Reichert und seine Bierpinte als Mieter offensichtlich loswerden. Diese Einschätzung vertritt auch die Expertin für Einzelhandelsvermietung bei Jones Lang Lasalle, Aniko Korsos. „4800 Euro sind überzogen, aber 3500 Euro können für die Größe schon verlangt werden, das Bahnhofsviertel boomt.“ Das Viertel sei „trendig“ und als Ausgehviertel hipp geworden. Vor allem die Kaiserstraße werde von den Kunden des Immobilienunternehmens stark nachgefragt. Gestiegen seien dabei vor allem die Mieten im Bereich Gastronomie, denn die Kaiserstraße hat sich zu einer Art Gastromeile gemausert. 70, 80 Euro pro Quadratmeter, seien dort derzeit üblich.

Die Münchner Straße, obwohl Frankfurts internationalste Straße, sei hingegen „noch kein Selbstläufer“, sagt Korsos. Ohnehin ist nicht alles gefragt, nur weil es im Bahnhofsviertel ist. „Die Fläche muss schon eine gewisse Qualität haben“, sagt die Immobilienexpertin. Am Ende der Taunusstraße etwa, kurz vor dem Bahnhof, steht seit Jahren eine riesige Liegenschaft leer. Die Kundenfrequenz lässt in diesem Teil der Taunusstraße ohnehin zu wünschen übrig, die Drogenszene hat hier viele verschreckt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum