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Sport "Der Verein ist für viele ein Stück Heimat"

Die Fußballer von Kickers 1916 haben schwere Zeiten hinter sich. Vor eineinhalb Jahren drohte die Insolvenz. Die Vorstände Dietrich Becker und Erich Fricke freuen sich, dass die Wende gelang und Jubiläum gefeiert werden kann.

Sind stolz auf ihren Verein - Erich Fricke (links) und Dietrich Becker. Foto: Andreas Arnold

Ihr Fußballverein, die Sportvereinigung Kickers 1916, feiert in diesem Jahr 100-jähriges Bestehen. Beinah hätte das nicht geklappt, warum?
Becker: Vor eineinhalb Jahren stand der Verein kurz vor dem Ende. Er war in einem katastrophalen Zustand: Desorganisation, Schulden, drohende Insolvenz. Hintergrund waren langjährige Versäumnisse in der Vorstandsarbeit. Über Jahre war keine Umsatzsteuer mehr gezahlt oder ein Kassenbuch geführt worden, es gab weder Ausgabenkontrollen noch eine Übersicht über die Mitglieder und leider auch keinen funktionierenden Beitragseinzug.
Fricke: Nur der Erste Vorsitzende hatte Zugriff auf das Konto. Da können Sie sich ungefähr vorstellen, wie es um den Verein stand.

Wie konnte das so lange gut gehen?
Becker: Wir haben uns zwar ausgetauscht, dass wir nicht zufrieden sind, aber es ist schwierig, etwas anzustoßen. Die Mitglieder waren ja zum Teil nicht unglücklich darüber, keinen Beitrag zahlen zu müssen (lacht). Irgendwann wurden aber Wut und Enttäuschung zu groß. Ein Beispiel: Ein Pokalspiel wurde abgesagt, weil das Konto nicht mehr gedeckt und somit das Startgeld nicht bezahlt war. Wir standen umgezogen auf dem Platz. Da ist jedem langsam gedämmert, wir haben das nicht mehr unter Kontrolle, jetzt muss was passieren.

Dann kam die Wende?
Becker: Ja. Gemeinsam mit weiteren Mitgliedern haben wir uns entschlossen, den Verein wieder auf Vordermann zu bringen. Wir haben einen neuen Jugendleiter gefunden, und jemanden, der sich an die Kasse getraut hat. Nun sind wir dabei, alle Altlasten zu tilgen. Es kostet Zeit und Mühe, aber nach vielen Nackenschlägen sehen wir wieder Licht am Ende des Tunnels.
Fricke: Wir haben wieder eine Struktur. Der Cut war schwierig, wir haben endlich mal Regeln eingeführt. Hätten wir aber nicht den Rückhalt der Mannschaften gehabt, gäbe es den Verein nicht mehr.

Und jetzt läuft es besser?
Becker: Unsere Mitgliederzahlen haben sich in den letzten eineinhalb Jahren fast verdoppelt. Wir haben mittlerweile 13 Jugendmannschaften. Zum ersten Mal nach mehr als 25 Jahren sind die Jugendmannschaften wieder doppelt, teils dreifach besetzt, das ist ein großer Erfolg. Teilweise mussten wir sogar die Aufnahme stoppen. Wir sind auf gutem Weg, ein Familienverein zu werden, in dem Eltern und ihre Kinder spielen und sich wohlfühlen.

Warum sind Sie so beliebt?
Becker: Wir sind ein Traditionsverein mit einer tollen zentralen Anlage. Kickers 16 ist eine Marke. Wichtig ist uns dabei auch, dass jeder hier weiß: „Wir lassen dich nicht hängen.“ Wir haben es geschafft, eine hohe Bindekraft zu entwickeln. Im Frauen- und Männerbereich könnten natürlich einige woanders spielen, aber sie bleiben hier, das hat Gründe. Wir sind stolz auf den guten Zusammenhalt. Es gab immer mal welche, die ihr Glück bei einem höherklassigen Verein suchten. Doch die Rückkehrquote ist hoch.
Fricke: Kickers 16 mit seiner Sportanlage „Berte“ ist für viele ein Stück Heimat.

Auch für Sie der Grund, warum Sie sich so für den Umbruch engagiert und Vorstandsämter übernommen haben?
Fricke: Es ist eigentlich idiotisch, wir kriegen nichts dafür und werden auch noch kritisiert (lacht). Ich bin ein Mensch, der immer etwas tun muss und gerne hilft. Es macht natürlich auch Spaß, und es ist schön, eine gewisse Gemeinschaft zu haben.
Becker: Ich verbringe meine Sonntage auf Plätzen, bei Spielen, wo manchmal schlicht nichts zu holen ist. Ich glaube aber daran, Dinge zu verbessern, will Erfolg mit meinen tollen Jungs - dafür lohnt es sich, sich anzustrengen. Wie jeder Sportverein haben auch wir außerdem eine wichtige gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Und: Wer mal Probleme hat, kann sich auf uns verlassen. Wir lassen hier niemanden im Stich.
Fricke: Stimmt, ein hohes Maß an Sozialarbeit ist dabei.

Steigt 2016 eine Riesenparty?
Becker: Im Juni wollen wir ein großes Turnier für Jugend- und Seniorenmannschaften veranstalten. Dazu laden wir befreundete Vereine und Offizielle vom Hessischen Fußballverband ein, die uns in der Umbruchphase sehr unterstützt haben.
Fricke: Es wird keine aufwendige akademische Feier geben, das passt einfach nicht. Wir feiern am 2. Juniwochenende hier auf der Berte.
Becker: Wir werden nichts machen, was wir nicht bezahlen können. Da achtet jetzt schon der Kassierer drauf.

Gilt das auch für die Zukunft?
Fricke: Wir wollen weiter im schwarzem Bereich bleiben, vernünftig wirtschaften, Altlasten tilgen. Und die Verantwortlichen für das Desaster nicht in Ruhe lassen. Mittelfristig wollen wir dann auch mal was an unsere Mitglieder, die uns so toll beim Umbruch unterstützt haben, zurückgeben - zum Beispiel mal ein Trainingslager oder Jugendcamp finanzieren.
Becker: Wir sind fest entschlossen, dass wir das hinkriegen.

Interview: Judith Köneke

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