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SPD in Frankfurt Keine Lust auf Merkel

Die Frankfurter Delegierten für den SPD-Bundesparteitag stehen einer großen Koalition in Berlin skeptisch gegenüber. Im linken SPD-Unterbezirk Frankfurt „ist die Stimmung voll gegen eine Groko“.

Groko
Die Groko hat Gegner (Symbolfoto). Foto: Oliver Dietze (dpa)

Ulli Nissen erinnert sich noch an den 27. April 1972. Sie war zwölf Jahre alt und schwänzte als Gymnasiastin zum ersten Mal den Unterricht. Mit ihren Freundinnen hockte sie vorm Schwarz-Weiß-Fernseher und verfolgte angespannt die Live-Übertragung aus dem Deutschen Bundestag in Bonn: Der sozialdemokratische Kanzler Willy Brandt sollte von der Opposition gestürzt werden. Doch das konstruktive Misstrauensvotum scheiterte – und Brandt, den die Teenager verehrten, blieb im Amt. „Seit dieser Zeit habe ich nie mehr eine so aufgeheizte, eine so politisierte Phase erlebt wie jetzt gerade“, sagt Nissen.

Überall, wo sie derzeit mit Menschen diskutiere, bekomme sie zu hören: „Machen Sie bloß nicht wieder eine große Koalition – das geht gar nicht!“ Die Frankfurter SPD-Bundestagabgeordnete nimmt das als Handlungsauftrag. Vom heutigen Donnerstag an ist die 58-jährige Delegierte des SPD-Bundesparteitages in Berlin. Der soll über Koalitionsverhandlungen mit der CDU/CSU entscheiden.

Im linken SPD-Unterbezirk Frankfurt „ist die Stimmung voll gegen eine Groko“, wie die stellvertretende Vorsitzende Sylvia Kunze sagt. Auch die 38-jährige Controllerin gehört ab heute zu der kleinen sechsköpfigen Delegation aus Frankfurt am Main, die in Berlin dabei ist. „Das ist mit Sicherheit der spannendste Bundesparteitag, seit ich in der SPD bin – mir ist überhaupt nicht klar, was passieren wird.“

Kunze will ihre Entscheidung von Inhalten abhängig machen. Sie fordert „ein neues Grundsatzprogramm“ der SPD – und hält für entscheidend, was an linken Forderungen durchgesetzt werden kann. Bürgerversicherung, Verschärfung der Mietpreisbremse: „Am Ende müssen auf jeden Fall die Mitglieder abstimmen.“

Wahl zwischen Pest, Cholera und Typhus

Auch Oliver Strank ist hin- und hergerissen. „Wir haben die Wahl zwischen Pest, Cholera und Typhus“, sagt der 38-Jährige. Pest: Das könnten aus seiner Sicht Neuwahlen sein. Obwohl Strank bei der Wahl im September nur relativ knapp beim Versuch gescheitert war, das Direktmandat zu erobern. Doch Neuwahlen könnten aus seiner Sicht „die strukturelle rechte Mehrheit im Bundestag“ nur verstärken.

Cholera: Das wäre die große Koalition, die sich Strank „nur mit sehr starken Bauchschmerzen“ vorstellt. Und Typhus: Dafür stünde „der dritte Weg“, die Tolerierung einer CDU/CSU- Minderheitsregierung. Nein, für Strank muss der Bundesparteitag vor allem eines einleiten: „Eine tiefgreifende Erneuerung“ der SPD, inhaltlich und personell. „Wir sind derzeit nicht die Partei des Fortschritts.“ Und an der Führungsspitze wünscht sich der Rechtsanwalt Jüngere.

Der südhessische SPD-Chef Gernot Grumbach, der Frankfurter Vorsitzende Mike Josef und Ansgar Dittmar, Bundesvorsitzender der Lesben und Schwulen in der SPD, ergänzen die kleine Delegiertenschar aus Frankfurt. So skeptisch sind sie schon lange nicht von hier aufgebrochen.

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