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Sossenheimer Unterfeld Häuser räumen

Die Untere Naturschutzbehörde will das Sossenheimer Unterfeld „von Bauten befreien“. Bei illegaler Bebauung soll es kein Pardon mehr geben.

09.10.2010 16:58
Jutta Ochs
Wohnen im Unterfeld: Das geht von klein und hexenhausartig bis zum schmucken Eigenheim. Foto: Monika Mueller

An einem so schönen Oktobertag ist es am Sossenheimer Nidda-Ufer wie im Urlaub. Der Fluss glitzert, das kleine Wehr rauscht und schäumt, am Wasser blüht es noch rosa, das ganze grüne Unterfeld riecht nach Äpfeln und Zwetschgen. Auf den Bänken räkeln sich Radler im Sonnenschein. Sie sind Gäste an ihrem freien Nachmittag, es gibt aber auch Einheimische, die hier, verstreut übers Unterfeld, dauerhaft leben. Versteckt hinter sehr hohen Büschen, Hecken und Tannen-Reihen stehen gemauerte Wohnhäuser. Manche sehr klein, andere erinnern schon an recht propere Einfamilienhaus-Liegenschaften. Einige sind sehr liebevoll gepflegt. Da wurden prächtige Gärten angelegt, schmiedeeiserne Tore davor, gezimmerte Pavillons, es gibt geschnitzte Holzverkleidungen, leuchtend rote Läden und Schwanen-Dekoration. Und gut gesicherte hohe Stahltore.

Franz Dorn (Name von der Redaktion geändert), 80 Jahre alt, ist einer, der sich sehr viel Mühe gegeben hat mit seinem Haus, aber nur sehr ungern auf sich aufmerksam machen will. „Damit sie nicht kommen, mich nicht belästigen. Nicht schon wieder.“ Besorgniserregend sind folgende Sätze in einem neuen Bericht des Magistrats: „Der Magistrat als untere Naturschutzbehörde beabsichtigt, ab sofort wieder flächendeckend gegen illegal errichtete Aufbauten und Einfriedungen in der Schutzzone II des Sossenheimer Unterfelds vorzugehen.“

Nach Angaben von Fritz Küsters, Leiter der unteren Naturschutzbehörde im Umweltamt, seien insgesamt zehn Häuser im Unterfeld betroffen. In drei davon lebten Menschen, die über 80 Jahre alt seien, einer davon ist Franz Dorn. Da würden sich „sozialverträgliche Lösungen finden lassen“, glaubt Küsters. Aber eines müsse klar sein: All diese Bauten, errichtet ohne jede Baugenehmigung, die müssten perspektivisch verschwinden aus dem Landschaftsschutzgebiet.

Seit dem 1. Juni 2010 ist die geänderte „Landschaftsschutzverordnung Grüngürtel und Grünzüge in der Stadt Frankfurt“ in Kraft. In dieser ist unter anderem festgelegt, dass eine Reihe von Kleingärtenanlagen, die im Unterfeld, aber nahe des Ortskerns liegen, bleiben dürfen, da dort nicht die höchste Schutzkategorie II erkannt wurde. Fürs übrige Unterfeld aber soll es bei illegaler Bebauung kein Pardon mehr geben. Es sei die „gesetzliche Pflicht“, dies zu verfolgen, sagt Küsters. In Schwanheim, da gehe man ja schließlich auch gegen die illegalen Kleingärten vor.

Herr Dorn hat allerdings keinen Kleingarten sondern ein Wohnhaus. Mit Postadresse und Heizung und einem dunklen Schäferhund, der mal bei der Polizei war. Der ist zwar eine Seele von Hund, sagt sein Herrchen, aber auch gewöhnt, Befehle auszuführen. Seit nahezu einem Vierteljahrhundert lebt der sportliche, hellwache 80-Jährige im Unterfeld. Das Haus selbst wurde unmittelbar nach dem Krieg errichtet, als es keiner mit Genehmigungen so genau nahm und nach den Zerstörungen Wohnraum die Hauptsache war. Ob die noch vorhandenen alten Papiere als Genehmigung akzeptiert würden, sei noch zu klären, sagt Dorn. Aber er ist sicher, dass er und die anderen Unterfeld-Bewohner einen ganz großen Trumpf in der Hand halten.

In den 90er Jahren nämlich sollten die Häuser schon einmal dem Schutz der Landschaft und des Grüngürtels weichen. Es gab viel Aufregung, Widerstand, Streit mit den Grünen, heftigen Protest. Und irgendwann mündete dieser in einen Antrag von CDU und SPD, gestellt am 2. Oktober 1997. In diesem heißt es, der Magistrat solle den Bewohnern im Unterfeld zusichern, „dass die Stadt die Häuser für einen Zeitraum von weiteren 60 Jahren zur ausschließlichen Wohnnutzung dulden wird“. Mit Mehrheit wurde dieser Antrag im folgenden Dezember vom Stadtparlament beschlossen. Franz Dorn ist sicher, dass er sich auf einen solchen Beschluss verlassen kann.

Fritz Küsters ist da nicht so sicher. Es stelle sich die Frage, ob „das Parlament damals überhaupt berechtigt war, einen solchen Beschluss zu fassen“. Es gebe ja schließlich Gesetze für den Landschaftsschutz, die eindeutig dagegen sprechen würden.

Franz Dorn seufzt, strafft sich und tätschelt den Hund. Dann sollten sie eben kommen, sagt er, er sei ja da, in seinem Zuhause im Sossenheimer Unterfeld. Und aus dem lasse er sich in diesem Leben gewiss nicht mehr vertreiben.

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