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Silvester in Frankfurt Einsturz eines Lügengebäudes

Auf der Freßgass’ in Frankfurt muss zu Silvester einiges vorgefallen sein. Der angebliche Sex-Mob war jedoch eine Erfindung. Doch wessen?

Auf der Freßgass’ muss zu Silvester einiges vorgefallen sein. Einen Sex-Mob allerdings hat es wohl nicht gegeben. Foto: Andreas Arnold

Das Fazit der Frankfurter Polizei, das am Dienstagvormittag per Pressemitteilung verbreitet wird, ist eindeutig: „In der Silvesternacht gab es in der Freßgass keine massiven mobartigen Übergriffe durch Massen an Flüchtlingen. Die in den Raum gestellten Vorwürfe sind haltlos und entbehren jeder Grundlage.“ Es sind klare Worte, die das Polizeipräsidium wählt, im Duktus einem Urteilsspruch ähnlich, den es sonst tunlichst vermeidet. Sie markieren die Kehrtwende in einem Fall, der eine Woche lang die Gemüter im Rhein-Main-Gebiet und darüber hinaus erregt hatte.

Am 6. Februar hatte die Lokalausgabe der „Bild“ getitelt: „Sex-Mob tobte in der Fressgass‘“. Eine Gruppe von „rund 50 Arabern“ soll im First In, einer Bar am westlichen Ende der kleinen Gastro-Meile, an Silvester randaliert haben, berichtet die Boulevardzeitung. Gäste seien bestohlen worden, Personal bedroht, Frauen begrabscht worden. Die „Bild“ präsentiert zwei Kronzeugen: Den Inhaber des First In, Szenegastronom Jan Mai, und Irina A., eine Frau, die behauptet, an diesem Abend sexuell belästigt worden zu sein. Die Polizei, der bis dahin nichts von derartigen Vorfällen bekannt war, ermittelt. Nach einer Woche übergibt sie den Fall an die Staatsanwaltschaft. Die wird nunmehr wahrscheinlich ihrerseits ein Ermittlungsverfahren einleiten: Gegen Jan Mai und Irina A. – wegen Vortäuschung einer Straftat.

Nach FR-Informationen liegen der Polizei Screenshots eines Eintrags von Irina A. in einem sozialen Netzwerk vor, die nahelegen, dass sie sich an Silvester gar nicht in Deutschland aufgehalten hat. Die Polizei selbst will sich zu solchen Details nicht äußern. In der Pressemitteilung ist von „erheblichen Zweifeln an den dargestellten Schilderungen.“ die Rede. Zweifel, die am Dienstagnachmittag zur Gewissheit werden. Bei der Durchsuchung ihrer Wohnung treffen Beamte Irina A.   an. Die aus Moldawien stammende Geschäftsfrau gibt nach Angaben der Frankfurter Staatsanwaltschaft zu, Silvester nicht in Frankfurt gewesen zu sein.

Dennoch konzentriert sich die öffentliche Wut derzeit vor allem auf Jan Mai als mutmaßlichen Urheber der Geschichte vom „Sex-Mob in der Fressgass’“. Eine Woche nachdem rechte Portale und Politiker ihn und Irina A. als mutige Zeugen gefeiert hatten, die endlich ihr Schweigen brechen, um der Vertuschung von Flüchtlingsverbrechen Einhalt zu gebieten, steht Mai als Buhmann da. Auch für die „Bild“: „Hat er alle belogen?“, fragt deren Online-Ausgabe schon am Montagabend. Das Urteil über Mai ist damit bereits gesprochen: Ein Lügengebäude bricht ein, und er soll es gebaut haben.

Prügelei gegen drei Uhr

„Ich habe nie gesagt, dass ein Sex-Mob auf der Freßgass unterwegs war“, betont Mai hingegen im Gespräch mit der FR. Glaubt man ihm, geht die unredliche Verknüpfung der mutmaßlichen Randale in seiner Bar mit der aktuellen Flüchtlingsdebatte allein auf das Boulevardblatt zurück.

Mai bleibt bei seiner Schilderung des Silvesterabends. Gegen 1 Uhr sei sein Laden proppenvoll gewesen. Unter die Gäste habe sich eine Gruppe von Männern gemischt – mutmaßlich Araber –, die angefangen hätten, Jacken zu stehlen, fremde Getränke auszutrinken, Krawall zu machen. Als die Lage zu eskalieren droht, habe er die Order ausgegeben: „Hier fliegt jeder raus, der kein Getränk hat und nicht Deutsch spricht“, erzählt Mai. Am Ende hätten etwa 50 junge Männer vor seinem Laden gestanden. Ob sie sich etwas zuschulden haben kommen lassen und was sie gemacht haben, kann Mai nicht genau sagen.

Mai wird an diesem Abend noch einmal gegen 3 Uhr von seinem Personal alarmiert. „Jan komm sofort her. Hier ist alles eskaliert“, lautet die Nachricht in einer WhatsApp-Gruppe, die der FR vorliegt. Vor dem First In kommt es zu einer Prügelei. Etwa zur gleichen Zeit – so berichten es Zeugen – eskaliert auch in der Victory-Bar die Situation. Eine Gruppe von Männern greift das Personal mit Stühlen und Flaschen an. Wirt Thomas A. wird schwer verletzt.

An Mais Darstellung gab es von Anfang an Zweifel. Es gibt Zeugen, die sie bestätigen. Einige davon seien von der Polizei noch nicht vernommen worden, betont Mai. Andere Gastronomen auf der Freßgass wollen hingegen nichts von den Vorfällen mitbekommen haben. Auf einen Zeugenaufruf der Frankfurter Neuen Presse in den sozialen Netzen hin meldet sich niemand. Hinzu kommen Zweifel an Mais Motiven. Weil er bei Facebook mit AfD-Positionen sympathisiert und auf Fotos mit bekannten Mitgliedern der Hells Angels zu sehen ist.

Vor allem aber sind bei der Polizei in der Nacht keine Notrufe aus dem First In eingegangen. Videoaufzeichnungen liegen nach FR-Informationen ebenfalls nicht vor – nicht einmal Handy-Aufnahmen. Das First In selbst verfügt über eine Überwachungsanlage. Mai behauptet, die Aufzeichnung von Silvester kurze Zeit später gelöscht zu haben: „Ich habe ja nicht gewusst, dass ich sie noch brauchen werde.“

Die Beweislage war von Beginn an dünn. Warum also ist Mai an die Öffentlichkeit getreten? „Es hat mich aufgeregt, dass sich die Stadtpolitik auf die Schultern klopft, weil an Silvester nichts passiert sei“, sagt er. Als er einem Bekannten, Kerry Reddington, Mitglied der Kommunalen Ausländervertretung, davon berichtete, habe dieser angeboten, den Kontakt zur BILD-Zeitung zu vermitteln. Reddington sei auch bei den Gesprächen mit den Journalisten anwesend gewesen, sagt Mai. Das Gespräch zwischen ihm und Reddington habe auch Irina A. mitbekommen und sich als Zeugin angeboten. Reddington bestreitet diese Darstellung: „Ich kenne diese Frau nicht.“

Eine Woche nach der „Bild“-Schlagzeile steht immer noch nicht fest, was sich auf der Freßgass an Silvester abgespielt hat. Den Sexmob hat es wohl nicht gegeben. Wer ihn erfunden hat und warum, sind Fragen, die nun die Staatsanwaltschaft beschäftigen. Am Ende wird vermutlich die Erkenntnis stehen, dass Lügengebäude oft mehr als einen Architekten haben.

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