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Silke Szymuras Als die Welt zerbrach

Sie suchen gerade eine Eigentumswohnung, denken über Kinder nach. Dann stirbt auf einer Nepalreise Silke Szymuras Freund plötzlich. Darüber hat sie nun ein Buch geschrieben. Auch im Internet ist sie aktiv.

Silke Szymura
„Vor vier Jahren wusste ich nicht, wie ich den Schmerz aushalten sollte“ – heute kann Silke Szymura auch wieder Glück empfinden, etwa über ihr erstes Buch. Foto: Christoph Boeckheler

Es ist, als würde die Treppe direkt in den Himmel führen. Verwilderte Stufen, in den Hügel gehauen. Gras überwuchert den Stein. Oben wartet die World Peace Pagoda, jene buddhistische Friedenspagode in strahlendem Weiß, von der aus sich ein toller Blick übers Phewa-Tal bietet und bei gutem Wetter freie Sicht auf das Annapurna-Massiv des Himalaya. Silke Szymura ist schon zweimal in Nepal gewesen, hat sich in das kleine Land zwischen China und Indien verliebt. Auch die Friedenspagode kennt sie bereits. An diesem Morgen im März 2013 ist es ihr Lebensgefährte Julian, der erstmals mit in ihr Traumland gereist ist und nun unbedingt das Ausflugsziel auf der Anhöhe über der Stadt Pokhara erkunden möchte.

Es ist nur ein kurzer Anstieg, kein Vergleich mit den waghalsigen Trekkingtouren, die Extrembergsteiger auf die umliegenden Gipfel treiben. „Wir sind da ganz gemütlich hochgeschlurft“, sagt Szymura. Einmal scheucht der 29-Jährige seine Freundin kurz zur Seite, um die Treppe zu fotografieren. Es wird eines seiner letzten Bilder sein. Als das Frankfurter Paar die staubige Straße erreicht, die das letzte Stück zur Pagode führt, hört Szymura ihren Freund hinter sich sagen, „ich glaube, ich muss mal kurz Pause machen“. Im Umdrehen sieht sie, wie er rückwärts umkippt. Er fällt einfach um.

Viereinhalb Jahre später spricht die 35-Jährige ruhig und gefasst über jenen Moment, als sie „irgendwo tief in mir drin“ bereits wusste, „er stirbt jetzt gerade, ich glaube, es war da oben schon zu spät“ und es zugleich nicht wahrhaben konnte – „er war doch jung, gesund, am Morgen noch total voller Energie“. Als sie panisch auf Deutsch um Hilfe schrie, Julian Wasser ins Gesicht kippte und drei ukrainische Touristen, die auf Mopeds vorbeikamen, Wiederbelebungsmaßnahmen einleiteten. Als ein Auto sie zurück in die Stadt fuhr, sie ihren sterbenden Freund auf der Rückbank im Arm hielt und später endlos scheinenden Reanimationsversuchen nepalesischer Ärzte zuschaute. Als ihr schließlich jemand sagte, sie könnten nichts mehr für Julian tun.

„Meine Welt ist zerbrochen in dem Moment“, sagt Silke Szymura. „Ich saß da in diesem Krankenhaus, Julian war tot, und für mich war das Leben eigentlich mit vorbei. Dieses ganz große Glück, das gerade noch da war – alles weg.“

Nach der Reise hatten sie eine Eigentumswohnung kaufen wollen, mit einem Extrazimmer, falls irgendwann Kinder kommen. „In unserem Freundeskreis fing das damals gerade an mit den Hochzeiten.“ Nun muss sie am Telefon mit der Familie in Deutschland abklären, was mit Julians Leichnam passieren soll. Muss Sterbeurkunde und einen Obduktionsbericht beschaffen, der keine klare Todesursache enthalten wird. Wird in einem buddhistischen Kloster den Körper ihres Freundes mit einer Fackel in Brand setzen. Noch als Silke Szymura in Nepal ist, die Asche ihres Freundes im Arm auf einer Polizeiwache sitzt und auf den Obduktionsbericht wartet, wird ihr Handy klingeln und ein Lieferant aus der Heimat fragen, wann er die bestellten Schlafzimmermöbel ausliefern soll.

Im Winter 2017 sitzt in Frankfurt in einem Bockenheimer Café, unweit der Leipziger Straße, in der sie einst mit Julian lebte, dennoch keine gebrochene Frau. Silke Szymura strahlt Ruhe aus und lächelt viel. Schließt manchmal die Augen oder legt die Hand aufs Herz, wenn sie von ihrer großen Liebe erzählt, die sie nach vier Jahren Beziehung so plötzlich verlor. „Ich bin dankbar, dass ich eine so tiefe Liebe schon erleben durfte“, sagt sie. „Die Art, wie ich ihn jetzt liebe, ist frei. Er geht irgendwo weiter und ich hier. Das ist keine Liebe mehr, die ihn hier braucht.“

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