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Sibylle Riedmiller in Frankfurt „Im Fluss trieben die Leichen“

Sibylle Riedmiller ist eine der „4 Alemanes“ die in Frankfurt von ihrem Untergrundkampf gegen das Pinochet-Regime berichten. Der FR erzählte sie vorab von Kassibern, Gewalt und viel Heldinnenmut.

Zeitzeugen in Frankfurt
„Wir waren mutig, wir waren die Studentenbewegung – wir hatten die Unis übernommen!“ Sibylle Riedmiller heute. Foto: peter-juelich.com

Frau Riedmiller, Sie waren 1973 bis 1975 in Chile als Kämpferin im Untergrund. Wie kam das? Geplant war es nicht. Die Unesco schickte mich als Entwicklungshelferin nach Chile. Das war meine erste Wahl. Ich wollte das erleben – Salvador Allende, Chile, Nicaragua, das waren unsere Projektionsflächen. Das war der gute Sozialismus, der demokratische, nicht-stalinistische Sozialismus. Neugierde: Können wir was lernen für unsere Gesellschaft? Wir hatten ja einen unheimlichen Optimismus, dass wir hier was ändern können.

Was war Ihre Aufgabe?
Ich sollte Reformansätze im ländlichen Erziehungswesen dokumentieren. Ich bin herumgereist, habe Schulen im letzten Winkel Panamas auf Pferderücken besucht, um dort mit den Lehrern zu sprechen. Spannender Job. Und ideale Tarnung dafür, was ich nebenher machen konnte. 

Den Vertrag unterschrieben Sie im August 1973.
Und im September: der Putsch. 

Das Militär übernahm, Allende wurde entmachtet. Und im Oktober sollten Sie anfangen. 
Ja, was jetzt? Aber klar war: Ich gehörte ja dem linken Chile-Komitee an, wir waren vernetzt. Man brauchte Leute in Chile. Ich hätte sagen können: Nein, zu gefährlich. Aber letztlich war es gar keine Frage. Klar, das machen wir, mal gucken, wie’s wird. 

Sie sind da allein hingegangen, nicht in einer Gruppe?
Aber es gab Amnesty im Hintergrund, hier in Frankfurt mit Dieter Maier und Tino Thun, das Netzwerk des Chile-Komitees. Und ich wusste immerhin, dass Rolf Rosenbrock da sein wird, ein guter Freund. Wir haben dann zwei Jahre lang ein Paar gespielt als Tarnung. Die Paas’ habe ich dort kennengelernt. 

Die Eheleute Paas, die wie Rosenbrock am Dienstag beim Gespräch in Heddernheim dabei sein werden. Zu viert waren sie in Chile die „4 Alemanes“.
Das kam aber erst später raus.

Sie hatten zwei Aufträge. Einen von der Unesco …
… das war ein Job ...

… und den anderen vom Chile-Komitee …
… das war eher eine moralische Verpflichtung. Quasi die Rechtfertigung, da überhaupt hinzufahren. Es war schwer, nach dem Putsch in Chile zu leben. Diese unglaubliche Repression. Man fuhr morgens ins Büro, und da lagen Leichen im Straßengraben. Wir hatten Ausgangssperre ab 18 Uhr, und dann flogen Hubschrauber, Schusswechsel, morgens fand man Einschusslöcher im Büro, man fuhr über die Brücke und es trieben Leichen im Fluss.

Wir hält man das aus?
Nur weil man das Gefühl hat: Da kann man was machen. Ohne Auftrag hätte ich vielleicht gesagt: In das Land gehe ich nicht, ich lasse mich versetzen. Heute würde ich das nicht mehr machen. 

Wie befreiten Sie die Verfolgten des Pinochet-Regimes?
Wir haben zum Beispiel mit dem Botschafter sogenannte Empfänge organisiert, zu denen wir dann fein gekleidet mit dem Auto kamen und Leute mitbrachten, die fliehen mussten. 

Mit dem deutschen Botschafter?
Ja. Die Botschaft stand später in einem sehr schlechten Licht, weil sie das Folterlager Colonia Dignidad deckte. Wir haben aber gute Erfahrungen mit dem Botschafter Kurt Luedde-Neurath gemacht – humanitär war der super. Der spätere Botschafter Erich Sträting war ein Rassist, ein Anhänger der Junta. Sein Vorgänger Luedde-Neurath war zwar auch NS-Diplomat unter Hitler gewesen, aber er hat sich von uns überzeugen lassen auf der menschlichen Schiene. Bei ihm stapelten sich Matratzen bis unter die Decke. Er hatte 60, 70, 80 Chilenen in seiner Botschaft, er hat das genossen, diese große Wohngemeinschaft. Er hat uns die Auswahl der Chilenen überlassen, die fliehen durften. Er wollte sicher sein, dass die richtigen Leute fliehen und hat uns Listen gegeben …

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