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Senckenberg-Naturmuseum Auf der Suche nach Zuflucht

Mia Florentine Weiss setzt im Senckenberg-Naturmuseum mit ihrer Ausstellung „Der Nabel der Welt“ das Migrationsthema ungewohnt in Szene. Dabei geht die 35-jährige Künstlerin an Grenzen, um Grenzen zu überwinden.

Der Pegasus mit Dingen aus der ganzen Welt in den Flügeln. Foto: peter-juelich.com

Das Senckenberg-Naturmuseum hat ungewöhnliche Ausstellungen erlebt, auch solche, die nicht direkt für jeden erkennbar mit Natur zu tun hatten. Aber diese Ausstellung, „Der Nabel der Welt“, am Donnerstag in der Senckenberg-Reihe „Kultur trifft Natur“ eröffnet – sie ist besonders ungewöhnlich. Sie erzählt von Flucht und Zuflucht. Und viel aus dem Leben der 35-jährigen Künstlerin Mia Florentine Weiss.

Draußen geht es schon los. In der Senckenberganlage steht eine Skulptur, vier Buchstaben: Love. Wenn man sie von der anderen Seite betrachtet: Hate. Liebe und Hass in einem Stück. „Wenn Sie durch die Ausstellung gehen, werden Sie erkennen, dass mich immer das Gegenteil interessiert“, sagt Weiss. Drinnen im Museum dann ein fliegendes Pferd überm Treppenhaus, ein Pegasus mit Flügeln aus lauter Alltagsgegenständen. Und wer den Ausstellungssaal betritt, steht schließlich der Künstlerin gegenüber, die das alles geschaffen hat – der nackten Künstlerin, die ihr Baby stillt, auf einem riesigen Foto.

Weltreise mit Pegasus

Das Bild war der Ausgangspunkt zur Ausstellung, sagt Museumsdirektor Bernd Herkner. Es entstand vor einem Jahr in der historischen Senckenberg-Apotheke: „Sie hat nicht gesucht, sie hat gleich gefunden.“ Aus dem Fotoshooting wuchs der Plan einer Ausstellung, wie von Zauberhand griff ein Rädchen ins andere. Im Februar startete Mia Florentine Weiss symbolisch mit ihrem Pegasus vom Senckenberg-Gelände zu einer Reise, die authentischen Flüchtlingsrouten folgte. Doch im Prinzip läuft das Projekt schon seit 1999. Da brach die damals 19-Jährige zu ihrer ersten Weltreise auf, um Menschen überall zu fragen: „What is your place of protection?“ Was ist dein Schutzraum?

„Es gibt nur einen Schutzraum auf der Welt“, sagt die Künstlerin jetzt, „das ist der Uterus.“ Der steht nicht mehr zur Verfügung. Unsere einzige Chance sei, uns in die Utopie zu retten, dass es einen Ur-Uterus gebe: „Mutter Erde, die uns an ihrer Nabelschnur nährt.“

Man muss sich schon einlassen wollen auf diese sehr persönliche Ausstellung, neugierig sein auf die Geschichten dahinter. Aber dann packt sie einen. Zur Eröffnung am Donnerstagabend reist ein junger Syrer an, Naart Matouq, der eine neue Heimat in Amsterdam gefunden hat. Mia Florentine Weiss traf ihn in der Ägäis, wohin sie der Pegasus geführt hatte. Matouq war mit Mutter und Schwester aus Damaskus durch die Türkei gekommen und wartete mit den anderen Flüchtlingen. „In der Situation willst du allen helfen“, sagt Weiss. „Wir wollten geben, was wir konnten.“

Doch was geschah? Matouq, als er den Pegasus sah und den Sinn verstand, gab ihr etwas: seinen letzten Geldschein, auf den er mit seinem eigenen Blut „Love“ schrieb. „Und danach kamen sie alle, einer nach dem anderen, und wollten uns das bisschen geben, was sie noch hatten.“ Der Syrer Naart Matouq, sagt Weiss, habe ihr anvertraut, dass dies der erste Moment seit Beginn der Flucht gewesen sei, in dem er sich wieder als Mensch gefühlt habe.

Wie gesagt, eine ungewöhnliche Ausstellung für Senckenberg, schonungslos offen, manchmal bis hart an die Grenze. Aber das ist es wohl, was jetzt zählt, überall dort, wo Menschen Schutzräume suchen: An die Grenzen gehen, um Grenzen zu überwinden.

„Der Nabel der Welt“ , Objekte, Fotos, Videos von Mia Florentine Weiss, bis 7. Februar im Senckenberg-Museum.

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