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Senckenberg-Museum Frankfurt Höhenflug für einen Pottwal

Im Senckenberg-Museum Frankfurt wuchten starke Männer das riesige Meeressäugermodell durchs Treppenhaus. Der Wal wirbt für die künftige Tiefsee-Dauerausstellung.

Pottwal
Die schwierigste Stelle. Das klappt doch nie! Foto: Christoph Boeckheler

Guten Morgen. Obwohl – noch nicht mal halb acht, man darf also durchaus sagen: nachts im Museum. Aber wer einem Wal die Treppe hinaufhelfen will, der muss eben früh aufstehen. „Mit dem Riesending um die Ecken, das dauert bestimmt seine Zeit“, sagt Thorolf Müller, Senckenberg-Projektleiter für Sonderausstellungen. Und es ist ja beileibe nicht nur eine Ecke.

Hinauf in den zweiten Stock des ehrwürdigen Senckenberg-Museums und dort an der Decke schweben – das ist heute der Plan für Molly, den Pottwal. Den Namen haben ihm die Besucher 2009 verpasst, als er Star einer Tiefsee-Sonderausstellung war. Eigentlich ist er eine Sie. Und eigentlich heißt sie auch gar nicht Molly. Aber dazu später.

Jetzt muss Molly erst mal aus dem Container raus, in dem sie wartet, seit sie von ihrer langen Tournee durch Basel, Berlin, Dresden und sogar London zurück ist. Beim Auspacken und auch bei dem ganzen Rest hilft die Messebaufirma Standbau, die schon den großen Diplodocus durch die ganze Republik gewuchtet hat, einen Senckenberg-Saurier von 28 Metern Länge – allerdings demontierbar. Das kann man mit Molly nicht machen. Molly kriegt man nur ganz oder gar nicht.

Heiko Becker, Lars Mohr, Fabio Salerno und Leon Lüddicke vom Standbau-Team legen dann mal los, draußen auf dem nachtdunklen Hof. „Licht an!“, fordert Lena Schnettler vom Senckenberg-Pressestab gen Himmel. „Wieso, ist doch schön geheimnisvoll“, sagt Thorolf Müller, „fast wie in der Tiefsee.“ Und das Umzugsteam: alles Wal-Experten, ja? „Überhaupt nicht“, prustet Lars Mohr. Verhältnis zum Wal? „Wie jeder andere auch“, sagt Heiko Becker.

Ein deutlich intensiveres Verhältnis speziell zu diesem Wal pflegt Namensvetter Udo Becker. Er ist zoologischer Präparator bei Senckenberg und hat mit seinem Team Molly geschaffen. Nein – nicht Molly, sondern: „Ich nenne sie Neunzehn. Als Wort ausgeschrieben.“ Neunzehn? Wieso? „Weil immer am Neunzehnten eines Monats etwas Wichtiges im Zusammenhang mit diesem Wal geschah.“ Die Gussform zum Beispiel wurde an einem Neunzehnten geliefert. Das häufte sich. Zufall. Oder Walkür?

Hinein geht es ins Museum, durch die Hintertür, vorbei an den Mammuts und – schluck – Wal-Skeletten. Schau woanders hin, Neunzehn!

Ein hübsches Mädchen ist sie. Siebeneinhalb Meter lang, zweifünfzig breit (ganz hinten an der Fluke), knapp 250 Kilo schwer. Schöne Augen hat sie und eine Reihe vergleichsweise kleiner Zähnchen im vergleichsweise kleinen Mäulchen. Wenn man bedenkt, dass sie damit Riesenkalmare in Stücke reißt.

Alles begann im Oktober 2006. Das Naturhistorische Museum Basel plante eine Tiefsee-Ausstellung und wollte den spektakulären Kampf zwischen einem Pottwal und seiner bevorzugten Beute zeigen – dem Riesenkalmar eben, jenem sagenumwobenen Kopffüßer aus tiefsten Tiefen. Bald war das Kooperationsprojekt beschlossen: Basel lieferte den Kalmar, Frankfurt den Wal. Aber weil das Ganze nicht zu groß und schwer werden durfte: einen kleinen Wal. Einen Teenager gewissermaßen. Ein Backfisch. Teuer genug war die einjährige Arbeit an Neunzehn trotzdem. Mehrere Zehntausend Euro, rechnet Udo Becker zusammen. „Einen gehobenen Pkw würde man für die Herstellungskosten bekommen.“

Aber selbst ein absoluter Spitzen-Personenkraftwagen könnte natürlich keinen Riesenkalmar in 2000 Metern Meerestiefe schnappen, niederringen und in großen Happen verschlingen. „Neunzehn ist das Größte, was ich bisher gemacht habe“, sagt der Präparator. „Und ich erzähle den Kindern immer gern: Es musste kein Tier dafür sterben.“ Der Wal ist aus Polyurethan (PU) und innen hohl. Die Senckenberger saßen zeitweise zu dritt in seinem Bauch, durchs Maul eingestiegen, um die Innenbeschichtung anzubringen. Nimm dies, Jona!

Da steht Neunzehn nun in ihrem Gestell neben dem Kopf des Triceratops und dem Skelett des Diplodocus und wartet. Ihre Oberfläche ist leicht rau, wenn man drüberstreicht. Die Ösen für die Stahlseile sind schon im Rücken verankert. „Schön, dass der Wal wieder mal zu sehen ist“, sagt Museumsdirektor Bernd Herkner. Ob er tatsächlich glaubt, dass dieses zwar noch junge, aber doch gigantische Wesen durchs Treppenhaus passt? „Die Leute haben schon weit schwierigere Transporte geschafft“, sagt er, „aber das wird schon eine Meisterleistung. Die Fluke ist das Hauptproblem.“ Das ist die Schwanzflosse.

Jetzt wird’s ernst. Oben, auf der großen Treppe, wuchten die starken Männer einen Hubsteiger in Position, schwerer als ein (hohler) Wal. Unten, im Dino-Saal, ist an dem Gerüst, das Neunzehn umgibt, ein Schwarzweißfoto befestigt, das Wal und Kalmar in Basel beim Kampf zeigt. Unser Kälbchen wirkt hoch überlegen.

Aber das Foto verschwindet jetzt mit der abgesägten oberen Hälfte des Holzgerüsts. Auf der unteren steht geschrieben: „Aufheben - für Pottwal ,Neunzehn’!“ Darauf ruht weiter die graue Meeressäugerin, während bis zu elf Männer sie die erste halbe Treppe hinaufwuchten.

Dann die Höchstschwierigkeit: die Kurve aus dem Dinosaal zur Treppe hinauf in den ersten Stock. Stephan Eheim ist jetzt da, der Projektleiter der Messebaufirma. Und Wal-Kenner, oder? „Im Aquarium hab ich mal einen gesehen.“ Dann kann nichts mehr schiefgehen.

Außer: Der Wal passt nicht um die Ecke. So wie jetzt. Die Fluke, die Schnauze, die Finne (das ist die Rückenflosse), die Flipper (Flösschen rechts und links) – irgendwas hängt immer fest. Udo Becker: „Jaha, das hat der Herr Ludwig Neher nicht bedacht, als er den Schuppen baute.“ Diese Museumsarchitekten! Keine 111 Jahre weit gedacht!

Ohne Einparkhilfe wird das nichts. Oder? „Wenn wir hier hochheben, können wir weiterfahren!“ – „Hinten hoch!“ – „Zu dir!“ – „Hier rüber!“ – „Die Flosse! Die Fl ...“ – „Die Flosse ist o. k.!“ Udo Becker streichelt Neunzehn beruhigend den Bauch. Und dann ist die Kurve geschafft. Ein bisschen hat Ludwig Nehers Pfosten gelitten, eine kleine Schramme hat auch der Wal, aber so geht’s eben zu in der rauen Tiefsee.

„Faszination Vielfalt“ steht an den Treppenstufen. Das kann man wohl sagen. Als Nächstes muss Neunzehn vorbei an Bennetkasuar, Strauß, Pinguin und Pelikan, die vor Spannung wie gelähmt aus ihren Vitrinen starren. „Pullt, Männer, pullt!“, erschallen die Kommandos. „Käpt’n Ahab hatte recht!“, ächzt einer. Und dann: „Geschafft – geil!“ Fehlt nur noch eine halbe Treppe. Ein Kinderspiel für Neunzehn.

Um 10 Uhr ist unsere junge Heldin in Stockwerk eineinhalb angekommen und bereit, final in die Höhe gehievt zu werden. Für die letzten Zentimeter bringt Museumsdirektor Herkner, auch Leiter der Senckenberg-Schule, seine aktuelle Klasse angehender Technischer Assistentinnen und Assistenten für naturkundliche Museen und Forschungsinstitute mit. Leider zappelt Neunzehn in der Luft so hin und her, dass einer der beiden Flaschenzüge ein Loch in die Stuckdecke haut. Pottwale sind eben keine so langen Höhenflüge gewohnt. Aber das lässt sich anschließend gut wieder ausbessern. Wenn der Hubsteiger schon mal vor Ort ist.

„Sieht gut aus! Sieht super aus!“, loben alle Beteiligten das Resultat. Neunzehn nimmt die Ehrerbietungen gutmütig und mit Würde entgegen. In London huldigte ihr bei der Ausstellungseröffnung schon Bill Wyman, der frühere Bassist der Rolling Stones. Und wie schrieb Beatles-Gitarrist George Harrison so schön: „Wal My Guitar Gently Weeps“. Kleiner Scherz. Aber im Ernst: Paul Hardcastle (1985): „Nineteen“.

Ein Jahr lang wird der junge Pottwal jetzt im Treppenhaus schweben. Wer im zweiten Stock steht, kann Neunzehn direkt ins Auge schauen. Hat sie nicht eben gerade gezwinkert?

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