Lade Inhalte...

Seckbach Trennende Trasse

Die neue Fahrradpiste auf der aufgegebenen Trasse der alten 20er Tram ruft Fans und Kritiker auf den Plan.

22.10.2010 21:17
Andreas Müller
Gefällt Radlern - und niemand sonst: die Ex-Trasse. Foto: FR/ Müller

Wir haben gar nicht mitgekriegt, dass direkt vor unserer Haustür so ein schöner Panoramaweg entstanden ist. Als wir das in der Zeitung lasen, haben wir gleich einen Spaziergang dorthin gemacht.“ Was Ehepaar Schmidt aus Seckbach sofort auffällt: Die frühere Strecke der Straßenbahnlinie 20, die sich nun als asphaltierter Weg von der Leonhardsgasse hinauf nach Bergen schlängelt, eignet sich bestens für Eltern mit Kinderwagen. „Der Weg ist ja nicht steil“, sagt das Paar. „Schade, dass wir heute das Enkelkind nicht dabei haben.“

Ein paar Meter weiter keucht eine Joggerin das hellgraue, etwa zwei Kilometer lange und rund drei Meter breite Asphaltband hinauf. Im nächsten Moment wird sie von einem Radfahrer überholt. Für den 26-Jährigen ist die neue Strecke, die durch die Schrebergarten-Kolonie des Vereins „Nordost“ führt, „einfach genial“. Oliver Zarrath tritt hier nun jeden Tag in die Pedale. „Das ist kein Vergleich zur ständigen Quälerei auf der Wilhelmshöher Straße. Hier ist es nicht einmal halb so anstrengend, nach oben zu fahren.“

Alfred Schnell, 66 Jahre alt und ebenfalls auf dem Rad unterwegs, findet den neuen Weg zwar auch gut, vermisst aber Schilder, die auf ihn hinweisen. Ebenso einen Hinweis zum Abzweig in Richtung Lohrberg und einen Zebrastreifen an der Stelle, wo der neue Weg die Wilhelmshöher Straße quert und in Richtung des früheren Wendehammers zu Seiten der Vilbeler Landstraße führt, wo die Piste endet.

Ganz anders sieht das Monika Peukert. Statt Büschen und Bäumen entlang der Trasse sieht sie einen regelrechten Schilderwald: „Am Bitzweg sind sage und schreibe sieben neue Verkehrsschilder aufgestellt worden.“ Die Bergen-Enkheimerin empfindet den Radweg geradezu „monumental“ und in seinen Dimensionen „nahe einer Autostraße“. Mit ironischem Unterton schlägt sie vor, ins fast meterdicke neue Schotterbett doch Amphibientunnel anzulegen: „Wer diesen Winkel kennt, weiß, dass dort allerlei Kleintiere, Amphibien, Eidechsen und Blindschleichen, leben – oder besser gesagt, lebten“, kritisiert die Diplom-Biologin. „Wie sollen die über das lebensfeindliche Asphalt-Schotter-Band kommen? Gab es im Zuge der Planung keine Umweltverträglichkeitsanalyse?“

Die Vögel sangen so schön

Peukert empfiehlt, um das Ausmaß des Bauwerkes zu erleben, solle man versuchen, auf dem historischen Wallfahrtsweg von Süden her den neuen Damm zu queren: „Wer das schafft, sollte einen Preis bekommen.“ Sie habe „von Grüner Verkehrspolitik und Naturverständnis etwas anderes erwartet“.

Wenig begeistert sind auch die Anrainer an der Strecke. „Für uns ist das eine Verschlechterung“, meint ein älterer Herr hinter seinem Gartenzaun. Er vermisst die riesigen Holunderbüsche, die mit viel anderem Gesträuch weichen mussten. Das hatte bis vor kurzem das „tote Gleis“ weitgehend überwuchert. „Da haben die Vögel immer so schön gesungen.“

Einer der Kleingärtner auf der anderen Seite beklagt, dass es „mit der Ruhe vorbei“ sei. Knatternde Motorräder seien auf dem neuen Weg sofort gesichtet worden. „Bald gibt es den ersten Unfall“, prophezeit der Anrainer. Vor allem werde es gefährlich, wenn Radfahrer den Weg zu schnell nach Seckbach hinuntersausten.

Das größte Ärgernis für die Schrebergärtner indes sind die großen Wackersteine, die auf einer Seite den Weg begrenzen. Sie verhindern die Zufahrt zu den lieb gewordenen Parkplätzen direkt am Zaun. „Keine Ahnung, wo wir die Autos jetzt abstellen sollen. Manchmal hat man ja auch ’was zu transportieren“, empört sich ein Mann. „Wenn man wenigstens irgendetwas anderes als Begrenzung genommen hätte. Holz würde doch viel besser hier ins Grüne passen als diese Felsblöcke.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen