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Schwarzfahrer „Es gibt eine hohe Dunkelziffer“

Mobilitätsforscherin Stefanie Schwerdtfeger spricht im FR-Interview über die Gründe, warum Menschen schwarzfahren.

Die Fahrkarte bitte! Mehr als fünf Prozent haben keine. Foto: Peter Jülich

Frau Schwerdtfeger, sind Sie schon mal schwarz gefahren?
Nein, also nicht bewusst. Ich hatte immer das Semesterticket. Und ich fahre leidenschaftlich gern Fahrrad in Frankfurt.

Fährt nicht jeder irgendwann schwarz – und sei es aus Versehen?
Schwarzfahren passiert aus unterschiedlichen Gründen. Manche vergessen das Ticket. Manche wissen nicht, wie man das richtige Ticket für die richtige Zone zieht. Die Tarifgrenzen sind für viele undurchsichtig.

Was sind die Hauptmotive?
Menschen fahren häufig ohne Ticket, um ihren Nutzen zu maximieren. Weil sie es können, weil die Kontrollen unregelmäßig sind, sie im Endeffekt Geld sparen. Es kommen auch Akzeptanzprobleme hinzu. Die Leute sagen: ‚Das ist zu teuer‘. Oder: ‚Ich sehe es nicht ein, dass die Bahn andauernd ausfällt oder dreckig ist‘. Dieses Motiv ist unabhängig vom Einkommen.

Außerdem?
Die zweite Hauptmotivlage ist hingegen einkommensabhängig. Das sind die Leute, die ihr Ticket nicht bezahlen können. Obdachlose zählen dazu, aber auch ganz normale Menschen und Familien, die irgendwo hin müssen, und einfach nicht das Geld haben, oder zu wenig. Selbst der Frankfurt-Pass ist finanziell nicht ausgeglichen und entspricht nicht dem Mobilitätssatz, der für Sozialleistungen berechnet wird.

Der RMV ist der teuerste Verkehrsverbund in Deutschland. Sind die Nahverkehr-Preise nicht einfach zu hoch?
Jährliche Preisanpassungen wurden ebenfalls oft angesprochen. Als zahlender Kunde sieht man, die Preise steigen jährlich – Verbesserungen im Service oder Angebot nimmt man dagegen kaum war. Es gibt Tunnelsperrungen, Ausfälle. Die Leute verdienen aber nicht mehr Geld. Da bekommen selbst Gutverdienende ein Akzeptanzproblem.

Könnte der RMV für mehr Akzeptanz sorgen, wenn er aufgrund der Tunnelsperrung einen Rabatt gewähren würde?
Das wäre eine interessante Maßnahme und hätte sicherlich eine positive Wirkung bei den zahlenden Kunden. Das Schwarzfahrern verhindert man damit nicht.

Ende September hat der RMV zwei Stationen in Offenbach kontrolliert. Fünf Prozent der Menschen hatten keinen Fahrschein. Hochgerechnet würden dem RMV dadurch 40 Millionen Euro im Jahr entgehen. Stimmt diese Quote?
Es ist schwierig, über Schwarzfahrerquoten zu sprechen. Wir wissen nicht genau, wie viele Menschen im ÖPNV fahren, das sind alles Schätzungen. Wir wissen auch nicht, ob morgens oder abends mehr Schwarzfahrer unterwegs sind. Die Kontrollen sind immer nur zu bestimmten Zeiten. Die tatsächliche Quote ist deswegen wahrscheinlich höher als das, was gemessen werden kann.

Sind die Quoten denn höher als fünf Prozent?
Bestimmt. Es gibt auch immer welche, die den Kontrollen entweichen können. Es gibt eine hohe Dunkelziffer.

Wäre das Bürgerticket für alle eine Lösung, weil dann niemand mehr in Frankfurt schwarzfahren würde?
Das ist ein viel diskutierter Ansatz. Der RMV gibt an, seine Kosten zu knapp 60 Prozent aus Fahrgeldeinnahmen zu decken. Die andere Hälfte übernimmt im Grunde jetzt schon der Steuerzahler über die Zahlungen der kommunalen Aufgabenträger. Also finanziert im Prinzip jetzt schon jeder Bürger den ÖPNV mit, ob er ihn nutzt oder nicht. Das Bürgerticket-Modell ist ein viel diskutierter Ansatz, weil es ähnlich wie das Semesterticket, das großen Zuspruch findet, solidarisch funktioniert, Mobilität ermöglicht und auch nicht viel kosten muss.

Sie forschen zum Schwarzfahren. Wie sieht das aus?
Im Winter letzten Jahres habe ich Kontrolleure im gesamtem RMV-Gebiet begleitet und 31 Personen befragt, die kein gültiges Ticket vorweisen konnten. In der Arbeitsgruppe haben wir einiges zu Papier gebracht, etwa den Stand der Forschung zum Schwarzfahren, das ist auch bereits veröffentlicht. In Kürze folgt eine Best-Practice-Analyse. Wir wollen aber noch tiefer in das Thema einsteigen und noch besser die Perspektive der Schwarzfahrer verstehen. Wir planen eine zweite empirische Studie und dafür suchen wir noch Teilnehmer. Da kann jeder mitmachen, der regelmäßig schwarz fährt, früher mal schwarz gefahren ist oder ab und an mal schwarz fährt.

Interview: Florian Leclerc

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