Lade Inhalte...

Schulessen nach Sodexo Kein Essen nach Wunsch

Ein Brechreiz-Virus geistert durch ostdeutsche Schulen, Groß-Caterer Sodexo gerät einmal mehr in die Kritik und Eltern sind besorgt: Übersteht mein Kind den Schultag? Die Schulen können da wenig machen. Ihre Mensenbetreiber werden europaweit gesucht.

05.10.2012 18:50
Sabine Hamacher und Felix Helbig
Schmeckt das? Foto: dpa

Ein Brechreiz-Virus geistert durch ostdeutsche Schulen, Groß-Caterer Sodexo gerät einmal mehr in die Kritik und Eltern sind besorgt: Übersteht mein Kind den Schultag? Die Schulen können da wenig machen. Ihre Mensenbetreiber werden europaweit gesucht.

In den vergangenen Tagen hat Stefan Langsdorf, Leiter der Musterschule, viele Anrufe bekommen. Eltern wollten wissen, ob sie sich Sorgen machen müssen, weil der Lieferant des Essens in die Schlagzeilen geraten ist, das ihre Kinder in der Kantine zu sich nehmen. Seit Beginn dieses Schuljahres wird das Nordend-Gymnasium vom Caterer Sodexo beliefert, der nun mit Massen-Durchfall in Ostdeutschland in Zusammenhang gebracht wird.

Der Schulleiter konnte die Eltern beschwichtigen, Probleme gebe es keine. Die Rückmeldungen über den Caterer mit Deutschlandzentrale in Rüsselsheim seien aber sehr unterschiedlich, sagt Langsdorf: Viele beschreiben das Essen als qualitativ gut, anderen schmeckt es nicht. Und dann gibt es noch diejenigen, die das System ablehnen, nach dem Sodexo arbeitet: Weit entfernt kochen – in diesem Fall in der Oberpfalz – und das Essen dann an den Ort des Verzehrs liefern. In der Kantine der Musterschule, die laut Langsdorf nicht zum Kochen geeignet ist, wird es aufgewärmt und mit frisch zubereiteten Produkten wie Salaten ergänzt.

Die Großen haben es leichter

Müssen aber Großcaterer wie Sodexo, der inzwischen acht der öffentlichen Frankfurter Schulen beliefert und für den Großteil der städtischen Kitas kocht, grundsätzlich schlechter sein als die kleineren und ganz kleinen Betriebe? Pauschal ist das so nicht zu sagen, denn auch große und mittlere Betriebe kochen in einigen Schulen frisch, während kleine Betreiber manchmal auch nur Essen aufwärmen.

Für die Großen sei es leichter, überwiegend frisch zu kochen, „weil die eine Logistik dahinterhaben und einfacher zuliefern können“, argumentiert Martin Müller-Bialon, Referent im Bildungsdezernat. Vor Sodexo versorgte ein asiatischer Familienbetrieb jahrelang die Musterschule. Klagen gab es aber da auch: Vielen Schülern war das Essen zu wenig abwechslungsreich, Eltern vermissten Frisches und Gesundes.

Dass Sodexo nun die Musterschule verpflegt, ist das Ergebnis einer europaweiten Ausschreibung. Dazu sei die Stadt nach EU-Recht ab einer gewissen Größenordnung verpflichtet, sagt Müller-Bialon. Sie stellt Mindestanforderungen wie die, jeden Tag zwei vollwertige Mittagessen und ein Dessert anzubieten, wobei die Speisen gesund zusammengesetzt und zubereitet werden müssen und keine gentechnisch veränderten Lebensmittel oder Geschmacksverstärker enthalten dürfen. Darüber hinaus formuliert die Stadt „sonstige Anforderungen“, etwa einen Anteil an Öko-Lebensmitteln von zehn Prozent und möglichst viele regional erzeugte Produkte.

Natürlich spielt Geld eine Rolle, denn die Stadt zahlt die Differenz zwischen dem Anbieterpreis und den drei Euro, für die die Mahlzeit in den Schulkantinen angeboten wird. Die Ausschreibung gewinnt der Sieger einer Gesamtbewertung aller angelegten Kriterien, mit dem das Stadtschulamt dann einen Vertrag abschließt.
Oft ist das nicht der Wunschkandidat der Schule. „Wir bedauern sehr, dass vor der Vergabe keinerlei Rücksprache mit dem Schulelternbeirat oder der Schülervertretung stattgefunden hat“, erklärt Daniela Adams, Vorsitzende des Elternbeirats der Musterschule.

Auch Gerhard Dölling, stellvertretender Leiter der Ziehenschule, bemängelt, dass die Wünsche der Schulen im Ausschreibungsverfahren nicht als Zuschlagskriterien zum Zuge kämen. „Wir sind aber von der Stadt gut bedient worden“, fügt er hinzu. Das Eschersheimer Gymnasium hat eine nagelneue Mensa mit eigener Küche bekommen, in der seit Januar der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) kocht. Es ist nicht so, dass die Schule unzufrieden ist. Wäre es aber nach ihr gegangen, wäre die Internationale Schulkantine geblieben, ein eigentümergeführtes Kleinunternehmen, das die Ziehenschule vier Jahre lang mit allseits geschätzter Küche versorgte. Schüler, Eltern und Lehrer kämpften, die Ausschreibung gewann aber der ASB. Dass aber nicht immer „der Große“ siegen muss, zeigt das Beispiel IGS Nordend, wo die Cantina Buen Barrio der Köchin Sandra Beimfohr sich zur Zufriedenheit aller durchsetzen konnte.

Der Döner lockt

Wenn sich Zufriedenheit allerdings an der Auslastung der Mensa messen lässt, ist die an der Ziehenschule dann doch nicht so groß. Denn nur etwa 200 Essen gehen hier jeden Tag über die Ausgabetheke, obwohl das Gymnasium mit 1400 Schülern eines der größten der Stadt ist. Da mögen nahe Döner-Buden und andere großstädtische Verlockungen eine Rolle spielen. Der Schulelternbeirat aber regt an, nach dem Grund für dieses Missverhältnis zu forschen. Schließlich habe die „wunderbare Mensa“ viel Geld gekostet und solle nun auch genutzt werden. Diese und andere Fragen können nun in einem eigens eingerichteten Mensa-Ausschuss besprochen werden, in dem sowohl der ASB als auch Eltern, Schüler und Lehrer vertreten sind. Der Elternbeirat sieht ein solches Gremium als potenzielles Vorbild auch für andere Schulen, „weil es zwangsläufig um dieses wichtige Thema Konflikte geben muss“.

Um solcherlei Konflikte von Grund auf zu umgehen, verfolgt der Verband der freien Kita-Träger BVZ einen ganz anderen Ansatz. Die Essensfrage überlässt er seinen Einrichtungen und versucht, die Eltern entsprechend zu beteiligen. „Wenn die Eltern makrobiotisches und bei Vollmond gepflücktes Essen wollen, dann versuchen wir das eben“, sagt Geschäftsführer Michael Burbach. Natürlich sei das eine Frage der Kosten. Die würden aber ohnehin auf den Elternbeitrag umgelegt.

Positive Beispiele:

OPAL Catering ist ein kleines mittelständisches Unternehmen mit Sitz in Offenbach. Die Abkürzung steht für „Organisation, Planung, Analyse, Logistik“. In Frankfurt versorgt es zum Beispiel die Wöhlerschule (Dornbusch), das größte Gymnasium der Stadt – und eines, das als ausgewiesene „Ökoschule“ wohl auch beim Kantinenessen einem gewissen Anspruch verpflichtet ist. Die Wöhlerschule ist „autark“, wie OPAL-Geschäftsführerin Felicitas Friedmann sagt: Das Personal der Firma kocht in der schuleigenen Küche. Ähnliches gilt auch für die Friedrich-Ebert-Schule und das Internationale Familienzentrum, deren Mittagsversorgung OPAL von der Wöhlerschule aus steuert. Gemäß OPAL-Konzept können die Schüler aus drei Menüs und deren Komponenten wählen, wobei allen Kulturen Rechnung getragen werde. Das Unternehmen verspricht einen hohen Anteil an Bio-Produkten. In der Offenbacher Zentrale werden täglich für weitere 65 Kunden 3000 Essen für Kitas und Schulen produziert und dann dorthin geliefert. Die Firma hat hier auch ein viertes Menü im Angebot, das zu 100 Prozent aus Bio-Produkten besteht. „Das zahlt bei den städtischen Schulen allerdings niemand, deswegen können wir dort nur einen Bio-Anteil bieten“, sagt Felicitas Friedmann.

Die Integrierte Gesamtschule IGS im Frankfurter Nordend kocht in ihrer Cafeteria selbst, unter den großen weiterführenden Schulen ist sie damit allein auf weiter Flur. Der Entscheidung vorausgegangen waren Proteste von Eltern und Schülern, die Unterschriften für den Verbleib von Köchin Sandra Beimfohr und ihrer Mitarbeiter gesammelt hatten, nachdem das Team schon zwei Jahre lang in der provisorischen Kantine der Schule gekocht hatte. Beimfohr bewarb sich in der Ausschreibung und erhielt schließlich auch den Zuschlag. In der Cafeteria der IGS Nordend, von der Stadt für mehr als fünf Millionen Euro neu gebaut, werden seither täglich zwei Menüs – darunter ein „normales“ und ein vegetarisches – angeboten, inklusive Salat und Obst, hinzu kommt eine Tagessuppe. Geachtet wird darauf, möglichst viele Bio-Produkte zu verwenden. Kalkuliert wird derzeit für knapp 170 Schüler jeden Tag, sie oder ihre Eltern können die Essen vorab im Internet bestellen. Laut Schule ist die Cafeteria mit dieser Anzahl von Essern nach nun einem Jahr „im rentablen Bereich“. Die Schüler zahlen pro Essen drei Euro. Besitzer des Frankfurt-Passes bekommen die Mahlzeiten für einen Euro. Abgerechnet wird über eine Chip-Karte, so bekommen die Schüler auch nicht mit, wer wie viel für sein Essen bezahlt.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen