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Schulen in Hessen „Der Schule gehörte der ganze Tag“

Guido Seelmann-Eggebert, Vorsitzender des hessischen Ganztagsschulverbands, hat erforscht, wie es zur heute üblichen Halbtagsschule kam.

Schüler
Schüler im Klassenraum (Symbolfoto). Foto: Imago

Herr Seelmann-Eggebert, seit wann gibt es die Schule so, wie wir sie heute kennen? 
Das ist relativ neu. Die Vormittagsschule in Deutschland ist so vom Jahr 1850 an entstanden.

Was war vorher üblich?
Vorher gab es die Ganztagsschule, auch wenn die nicht so hieß. Man nannte es den geteilten Unterricht. In der Regel gab es drei Stunden Unterricht am Vormittag, dann sind die Kinder zum Mittagessen nach Hause gegangen und kamen am Nachmittag für drei weitere Unterrichtsstunden zurück. Das lief so von Montag bis Samstag, wobei Mittwoch und Samstag nachmittags unterrichtsfrei war. Der Schule gehörte der ganze Tag, sagte man damals. 

Warum hat man das geändert? 
Das nahm in Hamburg seinen Anfang. In den feineren Kreisen dort war es Anfang des 19. Jahrhunderts üblich, erst gegen 16 Uhr zu Mittag zu speisen. Eltern hatten den Antrag gestellt, die Mittagspause zu streichen und durchgängig zu unterrichten, sodass die Kinder nach 15 Uhr zu Hause wären.

Und das haben die Schulen dann so gemacht? 
Nein. Die Kollegien haben das erst mal aus pädagogischen Gründen abgelehnt. 

Und warum kam die Halbtagsschule dann trotzdem? 
Die Eltern stellten ein paar Jahre später erneut einen Antrag und begründeten das mit dem weiten Weg zur Schule, den die Kinder zweimal am Tag zurücklegen müssten. Und tatsächlich wurde diesem Antrag stattgegeben.

Wie ging es weiter? 
Es folgten diesem Beispiel die Schulen in den norddeutschen protestantischen Städten wie Berlin, Königsberg oder Bremen, obwohl dort das Mittagessen zwischen 12 und 14 Uhr eingenommen wurde. In Hessen wurde das aktuell nach der Einnahme durch die Preußen. Dann war in Frankfurt der Vorläufer des Lessing-Gymnasiums die erste Schule in Hessen, die ebenfalls die Halbtagsschule einführte. Das breitete sich aus wie ein Lauffeuer. Die Gymnasien machten den Vorreiter, später folgten die Volksschulen. 

Wieso dieser Erfolg?
Die Lehrer haben schnell gemerkt, dass die Abschaffung des Nachmittagsunterrichts große Vorteile für sie hatte, vor allem für einträgliche Nebenbeschäftigungen am Nachmittag. Dafür haben sie die Belastungen des langen Vormittags in Kauf genommen. Auf die Belastungen der Schüler wurde weniger Rücksicht genommen. 

Und damit waren alle zufrieden?
Nicht unbedingt. Es gab Versuche von Eltern, zu dem über den Tag verteilten Unterricht zurückzukehren. Vor allem sorgten sich Eltern, die nachmittags selbst arbeiten mussten, darum, dass ihre Kinder unbeaufsichtigt waren und in der Gegend herumlungerten. Aber das wurde allesamt abgelehnt, der Druck der Lehrerschaft war einfach zu groß. Den Eltern, die ja oft noch die Ganztagsschule kannten, wurde eingeredet, Nachmittagsunterricht sei gesundheitsschädlich für die Kinder. Der ungeteilte Unterrichtstag, also die Halbtagsschule, hatte sich durchgesetzt. 

 
Wie gelang es, den vielen Unterricht, den es bis dahin gab, in den Vormittag zu pressen?
1911 machte man aus der Unterrichtsstunde, die 60 Minuten dauerte, die 45-Minuten-Stunde – und bekam so fast den gesamten Unterricht in den Vormittag. Bis zum Abitur gingen dadurch etwa zwei Lernjahre verloren, der Bildungsstand konnte nicht mehr gehalten werden. Es war also eine bildungspolitische Fehlentwicklung. 
 
Was bedeutete das für das Lernen und Unterrichten?
Man findet Quellen, in denen Schulleiter monierten, dass die Unterrichtsziele nicht mehr zu erreichen wären, die bislang bis zum Abitur zu absolvieren waren. Der Unterricht insgesamt wurde komprimierter, es gab Erlasse, dass pünktlich angefangen werden solle und im Unterricht nichts anderes mehr stattfinden dürfe als Lernen und Lehren. Ignoriert wurden die warnenden Stimmen von Psychiatern, die sagten, dass niemand länger als drei Stunden am Stück lernen könne. 

Wie sieht das heute aus? Ist der Druck aus der Lehrerschaft immer noch so groß, bei der Halbtagsschule zu bleiben?
Das beobachte ich so. Die Furcht vor veränderten Arbeitszeiten ist doch groß. Obwohl die Arbeit an einer Ganztagsschule weniger belastet als die an einer Halbtagsschule, wo ein Lehrer sich in sechs oder acht Unterrichtsstunden hintereinander oft völlig auspowern muss. Das macht dann auch der unterrichtsfreie Nachmittag nicht wett. 

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