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Schulen in Frankfurt Schulleiter Eichenauer hört auf

Manfred Eichenauer geht als Schulleiter des Frankfurter Ziehengymnasiums in den Ruhestand. Er plant jetzt eine Zukunft als Fahrradkonstrukteur.

Schulen in Frankfurt
Es ist gut, einmal muss Schluss sein. Manfred Eichenauer im Klassenraum der 5b. Foto: Michael Schick

Mit Manfred Eichenauer lässt sich gut über Räder fachsimpeln. „Alles, was zwei Räder hat“, das fällt Kollegen an der Ziehenschule ein, wenn sie über den Direktor und seine Vorlieben nachdenken sollen. Das Motorradfahren hat er aber aufgegeben, die große BMW ist Geschichte. Und mit der Schulleitung ist in wenigen Tagen auch Schluss, der Mann geht mit Ferienbeginn in Pension.

Sie sind Frankfurter, Herr Eichenauer? 
Ei ja.

Hier geboren?
Ei ja.

Und zur Schule gegangen? 
Ei ja. Erst in die Körnerschule, die heißt heute Michael-Ende-Schule, dann in die Liebigschule.

Und Frankfurt treu geblieben.
Ei ja. Ein Semester Frankreich auf der Uni, ein halbes Jahr England. Sonst immer Frankfurt.

Ei ist übrigens auch sein Kürzel im schulinternen Schriftverkehr. Für das Faltblatt mit dem Programm zu Eichenauers feierlicher Verabschiedung am Freitag hat Emil Fricke aus der 9e ein Bild gezeichnet. „Tschüss“ rufen zwei Steppkes einem Herrn mit Schnurrbart und wenig Haupthaar hinterher. Und der Herr denkt: „Das heißt: Auf Wiedersehen!“ Wer den Schulleiter Eichenauer kennt, der weiß, dass Disziplin eine Rolle für ihn spielt, dass er Formen und auch Förmlichkeiten durchaus schätzt. „Ich lege Wert auf einen vernünftigen Umgang miteinander“, sagt er, und das sagt er herzlich, „ich erwarte, dass man mir so begegnet, wie ich anderen begegne. Insofern sage ich, wo ich vorbeikomme, guten Tag oder auf Wiedersehen. Was ich mache, ist: Ich bin halt freundlich. Höflich.“

Schülerbilder an der Wand seines Büros, abstrakte bunte Werke. Der Namenspatron Julius Ziehen in Öl. Ein Fahrrad lehnt neben dem Schreibtisch. 2001 kam Manfred Eichenauer ans Ziehengymnasium. Da hatte er zweieinhalb Jahre kommissarische Liebig-Schulleitung hinter sich und wechselte warum den Ort? „Weil ich an diese Schule wollte. Ich bin Französischlehrer. Ich finde Französisch schön, ich finde Französisch wichtig. Die Möglichkeit, an eine Schule zu kommen, an der die Doppelkombination Abibac gemacht wird, bot sich für mich an.“ Abibac, die Hochschulreife an bilingualen Schulen, die in Deutschland und Frankreich gilt.

Was das beste Schulsystem ist, wird schon lang untersucht. Mit wenig Erfolg, wie Eichenauer feststellt. Pisa-Studien. „Das Märchen vom hohen Norden“, zitiert er aus einem Zeitungsartikel. Finnland sei zu Beginn von Pisa das strahlende Vorbild gewesen. Alle seien hingefahren, um zu sehen, wie die Finnen das machen. Dabei sei untergegangen, dass die Finnen ihr Unterrichtssystem gerade geändert hatten. Die guten Erfolge, die damals bescheinigt wurden, seien die Ergebnisse der vorangegangenen 13 Jahre, geprägt von Unterrichtsgesprächen, Lehrervorträgen, moderierten Gesprächen. Seit die Finnen ihre europäisch anerkannten neuen Methoden anwendeten, seien sie „auf Platz irgendwas“ zurückgefallen.

Sie sind für die bewährten, hergebrachten Methoden? 
Ich finde, dass Unterricht heute fragmentarisiert wird. Dass zu viel Verantwortung in Kinderhände gegeben wird – eine Verantwortung, die Kinder überhaupt nicht wahrnehmen können. Gefährlich ist, dass dann dilettiert wird. Ich bin Fremdsprachenlehrer. Ich sage: Hier habt ihr drei Vokabeln, schreibt ein Theaterstück und bringt das dann am Ende der Stunde auf die Bühne. Mir fehlt heute oft, dass ein Lehrer ein Gespräch moderiert, weil er sieht, dass eine Hand hochgeht, die sonst nie hochgeht, dass er sagt, tolle Idee, sag es noch mal, oder stell es noch mal zurück oder was haltet ihr denn davon?

In Frankfurt gibt es zum wiederholten Mal Ärger, weil Schüler nicht in ihre Wunschschule gehen dürfen, weil sie teils weit entfernten Gymnasien zugeteilt werden.

Wie sehen Sie das, was da in der Stadt geschieht? Wenn mein Kind von Preungesheim nach Nied muss …
… das ist richtig doof. Was will man machen? Ich weiß es nicht. In den 90er und 00er Jahren wurde der Fehler gemacht, nicht nachzubauen. Man hätte sehen können, dass im Streben nach sozialem Aufstieg immer mehr Familien ihre Kinder aufs Gymnasium schicken wollen. Das Problem haben wir jetzt. Ich habe keine Lösung dafür.

Die Bauten müssten doch da sein. Es gab in den 70er Jahren nicht weniger Kinder als heute.
Aber die Klassen waren viel größer. Als ich zur Schule ging in Frankfurt, hatten wir 45 Kinder in der Klasse sitzen. 45!

Die Ziehenschule ist, wie die meisten hessischen Gymnasien, zu G9 zurückgekehrt, also zum Regelfall von neun Jahren auf der weiterführenden Schule statt des Turbo-Abiturs in acht Jahren. Eichenauer wäre lieber bei G8 geblieben. Er hätte dafür plädiert, eine gerade Linie einzuhalten für die Schüler, die in dem Bewusstsein begannen, nach acht Jahren Abi zu machen. Aber die Gesamtkonferenz überstimmte ihn. Der Direktor kann damit gut leben. „Es ist ja nicht wie in dem bayerischen Spruch: Ihr seid’s vielleicht die Klügeren, aber mir san die Mehreren.“

Man müsse sich irgendwann darüber klar werden, was das Gymnasium sei, sagt er. Soll es Exzellenz fördern oder soll es die Schule für alle sein? Wenn man wolle, dass das Gymnasium in der Gesamtschule aufgehe, dann bitte. Aber durch die Hintertür das Gymnasium zur Regelschule zu erklären, sei Quatsch.

Wie kann man das ändern? Sie finden ja keine Eltern mehr, die ihr Kind ohne Abitur in die Welt hinausschicken wollen.
Könnte man ja machen. Über die Gesamtschule gibt es ja auch das Abitur.

Immerhin: Das Eschersheimer Gymnasium, mit 1250 Schülern einer der größten Lernorte weit und breit, hat diesmal „nur“ 15 Kindern Ablehnungen schicken müssen; eine zusätzlich eröffnete fünfte Klasse macht’s möglich. Für die 15 ist es dennoch hart. Da klingelt jetzt das Telefon, da stehen die Eltern vor der Tür, da wird der Schulleiter angeschrieben.

Was muss ein guter Schulleiter können?
Ach je. Also: Ein guter Schulleiter hat viele Eigenschaften, die ich nicht habe. Ein guter Schulleiter ist penibel, vorausschauend, planend, strukturiert, organisiert, behält Sachen im Auge – das sind alles Eigenschaften, die mich nicht auszeichnen.

Tatsächlich?
Wenn ich mich selbst beurteile, sind das nicht meine Stärken.

Schauen wir trotzdem voraus. Wie lernen Kinder in 20 Jahren?
Darüber haben wir uns gerade heute blitzlichtartig unterhalten. Vielleicht gibt es mal schlaue Programme, die den Kindern ein auf sie zugeschnittenes Lernprogramm geben.

Für jedes einzelne Kind?
Wenn man die technische Entwicklung sieht … in Australien gab es schon vor mehr als 50 Jahren die Beschulung übers Radio.

Aber ist Schule nicht auch ein Ort, an dem Gemeinschaft gelehrt wird?
Na klar, das ist ja, was ich für mich in den Vordergrund stelle. Aber wenn ich junge Mütter sehe, das eine Kind im Kinderwagen, das andere am langen Arm, das Handy am Ohr, statt sich mit den Kindern zu beschäftigen. Wenn Schüler als erstes, nachdem sie die Schule verlassen, das Smartphone herausholen.

Ist das ein Feind der Bildung, das Smartphone?
Nö. Aber ein Ablenkungsfaktor. Kinder müssen da ruckzuck reagieren, sonst sind sie aus der Gemeinschaft raus. Die Gemeinschaft funktioniert großenteils ja virtuell. In meiner Kindheit war ich jeden Tag draußen, entweder vor oder nach den Hausaufgaben. Viel mit dem Fahrrad. Zur Nidda gefahren und die Bäume hochgeklettert. Wie viele Kinder erleben das heute noch? Oder wer kann mit Händen überkreuz Radfahren?

Und dabei sauber gegen einen Baum rauschen.
Solche Erfahrungen machen Kinder doch heute nicht mehr.

Aber dass Smartphones Kinder faszinieren, wie soll sich das ändern lassen?
Gar nicht. Wir müssen damit umgehen.

Selbstverständliches gelte nicht mehr, sagt Eichenauer. Mit der Kappe auf dem Kopf durchs Haus laufen. „Sind wir hier in der Bronx? Was soll das?“ Dass auf den Boden gespuckt wird. „Fürchterlich!“ Und diese Sprache, die Schüler sprächen, obwohl sie anders könnten. „Isch geh Nordweststadt.“ Dass Höflichkeitsregeln nicht mehr eingehalten werden. Tür aufhalten. Guten Tag sagen. Noch schlimmer in der U-Bahn. Füße hochlegen. „Ich hab mich mal bei einem auf die Füße gesetzt.“ Schule übernehme heute zunehmend eine Erziehungsaufgabe, genüge ihr aber nur unvollständig. Jeder Lehrer sei anders, der eine versuche es mit Charme, Humor und Freundlichkeit, der andere sei rigide. Die richtige Form, sagt Eichenauer, sei die, die möglichst nachhaltig funktioniert.

Was machen Sie denn jetzt?
Fahrräder sind meine Leidenschaft. Ich restauriere Fahrräder, ich baue Fahrräder auf. Ich betrachte das als therapeutisches Schrauben. Ich weiß gar nicht, wie viele Fahrräder ich schon gebaut habe, hundert mindestens.

Und dann verkaufen Sie sie?
Wer eins haben will, kriegt’s. Ich möchte nur meinen Einsatz wiederhaben und zehn Euro obendrauf, damit ich mir neues Werkzeug kaufen kann.

Man kann bestellen – ich hätte gern dieses oder jenes Fahrrad?
Was ich gern baue, sind Mountainbikes, und zwar inzwischen alte aus den frühen 90ern, solche, die noch aus Stahl waren. Die sind schwerer, gehen aber nicht kaputt. Und was da an Technik, an Mechanik dran ist – unverwüstlich.

Dann ist ja klar, womit Sie in nächster Zeit beschäftigt sind.
Ja, und ich biete eine Fahrradsprechstunde hier in der Ziehenschule an: „Freitags ab drei mit Ei“. Da können Schüler kommen, Lehrer kommen – mein Wunsch ist, dass ich das nicht allein mache, sonst wird man ja verrückt, sondern, dass noch Leute mitmachen, Schüler, die wissen, wie man einen Schraubenschlüssel hält.

Ist das eine gute Vorstellung, bald viel Zeit für sich zu haben?
Weiß ich noch nicht. Ich spreche gern mit Menschen, und hier kriege ich Gespräche frei Haus. Später werde ich mir Gespräche suchen müssen. Schulleiter ist ein toller Job, wirklich erfüllend. Ich hab noch nie den Eindruck gehabt, dass mich das anödet. Aber es ist gut, einmal muss es ein Ende haben. Und ich gehe lieber hier gesund raus als krank.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Schulen in Frankfurt

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