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Schulen in Frankfurt Schüler ohne Angst vor Thema Sterben

Schüler der Ernst-Reuter-Schule II beschäftigen sich im Markuskrankenhaus mit dem Sterben. Sie haben keine Angst vor dem Thema. Es gab mehr Bewerber für dieses Projekt als es Plätze gab.

Lea (links) und Chiara (rechts) besuchen Ingeburg S. in der Palliativstation des Markuskrankenhauses. Foto: Christoph Boeckheler

Ingeburg S. (79) blüht auf. Am Anfang gestaltet sich das Gespräch mit Lea und Chiara noch etwas schleppend. Schließlich ist es das erste Mal, dass die beiden 16-Jährigen die krebskranke Frau zu Gesicht bekommen. Seit zwei Tagen ist sie auf der Palliativstation des Markuskrankenhauses – „seitdem habe ich keine Schmerzen mehr“. Und auch der Appetit hat sich wieder eingestellt. „Heute habe ich zum ersten Mal den Teller leergegessen“, erzählt die 79-Jährige. Und nun noch das: der Besuch der jungen Mädchen.

„Was denken Sie, was nach dem Sterben passiert?“, fragt Chiara, die seit einem Jahr beim SC Ried Fußball spielt, vorzugsweise als Stürmerin. Auch im Gespräch geht sie gleich in die Offensive. Doch Ingeburg S. lässt sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen. „Ich weiß es nicht. Ich lasse es so auf mich zukommen.“ Die katholische Chiara und die rothaarige Lena – „Atheistin!“ – geben sich mit der Antwort zufrieden.

Die Suche nach Gemeinsamkeiten beginnt. Frau S. hat ein Handy „aber nur zum Telefonieren“. Lea und Chiara fotografieren, verschicken Nachrichten. „Das Handy ist unser ständiger Begleiter.“ Höflich erkundigt sich die Patientin nach dem Projekt, das die Schülerinnen in die Palliativstation geführt hat. „Wir wollen Erfahrungen zum Thema Sterben sammeln“, sagt Lea. „Und es ist ein schönes Gefühl zu helfen“, ergänzt Chiara. Lea nickt.

Zum Sterben ist es für Frau S. zu früh. Sie hat sich entschlossen, nach der Entlassung aus der Palliativstation in ein Pflegeheim zu ziehen. „Allein in der Wohnung – das ist nix“, sagt sie. Bevor der Tumor in ihrem Becken entdeckt wurde, hat sie ehrenamtlich in einer Kleiderstube gearbeitet. Ingeburg S. ist ein geselliger Mensch. Schon aus diesem Grund möchte sie ins Heim. „Dort wird so viel geboten“, sagt sie.

Eine Palliativstation ist kein Hospiz: Rund ein Drittel der Patienten kehren nach der sogenannten Schmerzeinstellung in ihr gewohntes häusliches Umfeld zurück, berichtet die Ärztin Sabine Mousset, die die medizinischen Fragen der Projektteilnehmer beantwortet. Ein weiteres Drittel geht im Anschluss an die Behandlung wie Frau S. in ein Pflegeheim. Rund 30 Prozent der Patienten sterben hier.

Daniela Schmitz-Weger zieht eine Todesanzeige aus der Tasche: Ellen M., am letzten Mittwoch verstorben. Einige der Projektteilnehmer kannten sie. Die Lehrerin Schmitz-Weger leitet das Projekt, das zu der Serie „Lernen durch Engagement“ gehört. In der Vergangenheit war sie mit den Schülerinnen und Schülern schon in einem Altenheim und einem Kindergarten.

Der Wunsch, eine Palliativstation als Ort des außerschulischen Lernens und Helfens auszusuchen, sei von einigen Schülerinnen geäußert worden. Weil es mehr Bewerber als Plätze gab, seien Auswahlgespräche geführt worden. An einem Abend habe man die Eltern informiert – „die meisten fanden das Projekt großartig“. Dennoch sei die Skepsis am Anfang groß gewesen. „Ich war der Überzeugung, die schaffen das“, sagt die Lehrerin.

Gespräch mit Psychologen

Seit Herbst besuchen nun zehn Mädchen und drei Jungen aus der Ernst-Reuter-Schule II mittwochs von 12 bis 13.30 Uhr regelmäßig das Markuskrankenhaus. Die Kunsttherapeutin Friederike Strub fragt die zwanzig Patienten, die hier betreut werden, wer von ihnen von den jungen Leuten das Essen gebracht bekommen und mit ihnen reden möchte. Vier bis fünf Patienten würden sich in der Regel melden.

Ein Teil der Projektteilnehmer verabschiedet sich vorübergehend, um mit Patienten zu sprechen. Andere tun etwas für die gesamte Station, haben Weihnachtsterne gebastelt, Plätzchen und Waffeln gebacken und wollen sich demnächst an eine selbstgekochte Suppe wagen.

Am Ende jeder Unterrichtseinheit im Markuskrankenhaus steht das Gespräch mit der Psychologin Marianne Ponto-Schultze. Ein junger Mann ist abgesprungen, weil ihn die Besuche zu sehr belastet hätten. Ansonsten habe sich gezeigt, „dass wir mehr Sorgen um die Schüler hatten, als angebracht ist“. Die jungen Leute würden „das gut wegstecken“ und wohl eher untereinander als in der großen Gruppe über ihre Eindrücke sprechen. „So schlimm ist es gar nicht für uns“, sagt eine Schülerin. Offenbar gelingt es den Projektteilnehmern eine gewisse Distanz zu bewahren. Eine andere Schülerin erzählt vom Tod eines guten Freundes der Familie. „Das ist ein großer Unterschied.“

Plötzlich wird es unruhig im Raum. Alle scheinen ein bisschen aufgeregt zu werden. Es ist 13.30 Uhr: Schule aus.

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