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Schulen in Frankfurt Eltern behinderter Kinder verärgert

Behinderte Kinder werden Frankfurter Regelschulen ohne Ressourcen zugewiesen. Eltern und Lehrer kritisieren die Umsetzung der Inklusion in der Stadt.

Schulen in Frankfurt
Proteste gegen Kürzungen bei der Inklusion gibt es schon seit längerem. Foto: Christoph Boeckheler

Es herrscht Unruhe unter den Eltern von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Und auch die integrierten Gesamtschulen sind in Aufregung. Knapp 70 Viertklässler sollen es dem Vernehmen nach sein, die im nächsten Schuljahr weiterführenden Schulen zugewiesen werden. Und die integrierten Gesamtschulen müssen sie aufnehmen, ohne dafür eine Förderstunde mehr zu bekommen. „Mit nahezu null Ressourcen wird die Inklusion zur Aufbewahrungsnummer“, sagt Elke Blum, Rektorin für pädagogische Aufgaben an der Georg-Büchner-Schule.

Kürzlich hat die sogenannte Verteilerkonferenz stattgefunden. Dabei wurden auch Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf zugewiesen, die bis zu dem Zeitpunkt keine Schule aufnehmen wollte. Die Schulen hatten sie abgelehnt, weil sie dafür keine Kapazitäten haben. Nun sollen möglicherweise in einem Jahrgang trotzdem vier, fünf oder sechs Kinder mehr sitzen, die inklusiv beschult werden müssen. Ohne zusätzliche Förderstunden. „Die Kinder haben ein Recht auf sonderpädagogische Förderung“, sagt Blum. „Aber dieses Recht können wir unter den Umständen nicht garantieren.“

Auch ohne zugewiesene Kinder ist die Umsetzung der Inklusion schon schwierig. Eigentlich steht in der Verordnung über sonderpädagogische Förderung von Schülern, dass auf sieben Förderkinder eine Förderlehrerstelle kommt. Doch davon ist man in Frankfurt weit entfernt. So muss die eine Schule etwa für diese Anzahl an Kindern mit einer Zweidrittelstelle auskommen – und bekommt nun möglicherweise weitere Kinder zugewiesen. Für Blum gehen dabei alle kaputt. Die Lehrer, die keine Kapazitäten mehr für all die Aufgaben haben. Die Schüler, die keine Ruhe zum Arbeiten bekommen. Und die Schulform IGS. „Denn die klassischen Gymnasialeltern, die an der Gesamtschule die bessere Differenzierung und Arbeitsatmosphäre schätzen, wenden sich ab“, sagt Blum.

Dabei hört sich alles auf den ersten Blick so gut an. Alle Kinder, die auf eine Regelschule wollten, haben einen Platz bekommen. Die Förderlehrer an den Grundschulen freuen sich, wenn ihre Schüler an der weiterführenden Schule unterkommen. Und Eltern, die ihr Kind inklusiv beschult haben möchten, sind auch erst mal froh über einen Platz. Alexandra Cremer vom Netzwerk Inklusion Frankfurt ist sich aber sicher: „Die ersten, die bei fehlenden Ressourcen hintenrunterfallen, sind die Förderkinder.“ Dann folgen die anderen. Für Cremer sind die Zustände an den Schulen eine Katastrophe. Nicht nur wegen des Ressourcenmangels. „Wir müssen auch an der Haltung arbeiten“, sagt Cremer. Manche Schulen meinten immer noch, sich entscheiden zu können, ob sie bei der Inklusion mitmachten oder nicht. „Aber das ist nicht die Frage. Es geht allein darum, wie die Inklusion umgesetzt wird.“

Denn eines ist klar: Inklusion ist Menschenrecht, daran gibt es nichts zu rütteln. „Und die Eltern fordern ihr gutes Recht ein, ihr Kind auf eine Regelschule zu schicken“, sagt Blum. An der Georg-Büchner-Schule wird gerade ein Inklusionskonzept erarbeitet. Mit den Lehrern. Mit Prozessbegleitung. „Die Lehrer machen das gerne, freiwillig, am Nachmittag“, sagt Blum. „Aber es ist im Moment, wie Hungernden eine Anleitung für eine Diät in die Hand zu drücken.“

Im Kultusministerium versteht man die Aufregung um die Zuweisungen nicht. „Das hat noch nichts mit der Zuteilung von Lehrkräften und Stunden zu tun“, sagt Sprecher Stefan Löwer. Man sei im normalen Verwaltungsverfahren, bei einem gestiegenen Bedarf werde wie auch schon im vergangenen Jahr bei den Ressourcen nachgesteuert. Stadtelternbeirätin Alix Puhl findet das „wünschenswert“. Aber prinzipiell „habe ich nicht das Gefühl, dass die Zeichen aus den Schulen gehört werden“. Zeichen wie die vielen Überlastungsanzeigen etwa, die Lehrer stellen. Sie wundert sich nicht darüber, schließlich müssen Lehrer Aufgaben übernehmen, für die sie nie ausgebildet wurden. „Damit Inklusion für alle funktioniert, ist mehr Unterstützung nötig.“

Denn gelingende Beispiele für Inklusion gibt es. Doch dafür ist eben Personal notwendig. Und das ist gar nicht so einfach zu bekommen. Es fehlt an Förderlehrern auf dem Markt. „Es müssen endlich Anreize für diesen Job gesetzt werden“, sagt Cremer. Sonst bleibe die Lehrerversorgung auch in den nächsten Jahren unzureichend. „Kurzfristig könnten aber Sozialpädagogen eingesetzt werden.“ Es müsse auf jeden Fall versucht werden, im System etwas zu ändern. „Und da ist noch viel Luft nach oben bei den Ideen.“

Blum plädiert etwa dafür, Schulen feste Stundenkontingente zuzuweisen und ihnen dann zu überlassen, welche Kinder sie aufnehmen. „Weitergehen wie bisher kann es nicht. Da wird sonst was explodieren.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Schulen in Frankfurt

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