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Schule in Hessen „Das Schulsystem verschärft die Spaltung der Gesellschaft“

Der Pädagoge Gerd-Ulrich Franz plädiert für eine Schule für alle. Sie soll Kindern aus verschiedenen sozialen Milieus gemeinsames Aufwachsen ermöglichen.

Viele Eltern setzen auf Integrierte Gesamtschulen mit ihren teils alternativen Unterrichtskonzepten. Doch es gibt großen Beratungsbedarf. Foto: christoph boeckheler*

Die Schere in der Gesellschaft geht nicht nur zwischen Reich und Arm auseinander. Auch in der politischen Diskussion werden die Gräben tiefer, die Solidarität nimmt ab und der Ton wird allerorten schärfer. Gerd-Ulrich Franz kämpft für die eine Schule für alle – und sieht sich damit im Einsatz gegen eine Spaltung der Gesellschaft.

Herr Franz, wie stellen Sie sich die Schullandschaft in Hessen in 20 Jahren vor? Gibt es dann keine Gymnasien, Haupt- und Realschulen mehr und stattdessen ausschließlich nur noch Gesamtschulen?
Das wäre sicher eine gute Lösung für die Misere unseres Schulsystems. Aber das wäre nur mit einem gesellschaftlichen Bewusstsein zu schaffen, das die Nebenwirkungen des Systems, das Fördern der Spaltung, überwinden will. An diesem Bewusstsein müssen wir arbeiten.

Wieso Schulmisere? Schulen sollen Kindern Bildung vermitteln. Das tun sie doch im Großen und Ganzen gut, oder nicht?
Nicht nur darum bemühen sich die einzelnen Schulen sicher. Aber es geht auch darum, den Kindern und Jugendlichen aus ganz verschiedenen sozialen Milieus ein gemeinsames Aufwachsen zu ermöglichen. Wechselseitiges Kennen und Verstehen ist grundlegend für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Das gespaltene Schulsystem aber tut dies gerade nicht, im Gegenteil, es verschärft die Spaltung der Gesellschaft und trägt dazu bei, dass Vorurteile und falsche Bilder weiterhin entstehen.

Mehr als die Hälfte der Kinder wechselt nach der Grundschule aufs Gymnasium. Löst sich die soziale Differenz dort nicht auf?
Selbst bei einem zweigliedrigen System wie etwa in Schleswig-Holstein, wo es nur noch Gymnasien und Gemeinschaftsschulen gibt, wird die Aufspaltung in einen als höherwertig und einen als weniger wertig wahrgenommenen Weg nach Klasse 4 fortgesetzt. Es ist ein Grundübel, weil Kinder daraus eine Wertigkeit ihrer Person ableiten und dies der gesellschaftlichen Wahrnehmung entspricht.

Sie wurden Lehrer, als in Hessen eine sozialdemokratische Landesregierung mit einem Kultusminister Ludwig von Friedeburg anfing, die Gesamtschulen flächendeckend einzuführen.
Ich war tatsächlich mein ganzes Berufsleben lang Lehrer an Gesamtschulen – zum Gesamtschullehrer wurde ich allerdings erst durch die konkreten Erfahrungen vor Ort, in einer der ersten vier hessischen Gesamtschulen in Mainz-Kostheim.

Ja, und dann ist dieser Ausbau doch gescheitert, stecken geblieben unter anderem wegen des Widerstands aus der CDU, den Gymnasien und auch vieler Eltern. Und selbst die SPD ließ in ihrem Engagement stark nach. Warum sollte es jetzt besser laufen?
Weil unsere Gesellschaft heute mehr denn je den Zusammenhalt braucht. Die damaligen Gesamtschulen wurden errichtet, weil man Platz brauchte für die große Zahl von Schülern, es war ja die Zeit der Babyboomer. Aber die neue Schulidee wurde nur halbherzig vorangebracht.

Was heißt halbherzig?
Die Möglichkeit des sozialen Ausgleichs und Aufstiegs wurde zwar beschworen und ist auch für viele gelungen. Aber durch die Einteilung der Kinder und Jugendlichen in A-, B- und C-Kurse in den Hauptfächern lebte die traditionelle Aufspaltung in Schulformen und Wertigkeiten weiter. Das haben wir erst in den neueren Gesamtschulen überwunden, obwohl auch hier das Korsett der drei verschiedenen Abschlüsse immer noch kneift.

Die gerade verabschiedete Novellierung des Schulgesetzes sieht vor, dass Gesamtschulen auch ohne jede interne Aufspaltung arbeiten können, binnendifferenziert nennt sich das, also vollständig im Klassenverband mit der individuellen Förderung und Ansprache eines jeden Schülers. Ist das jenes Modell, wie Sie es sich überall wünschen?
Man muss Schulen so organisieren, dass sie die Schulform-Orientierung überwinden können, das gemeinsame Lernen in den Mittelpunkt stellen und jeden jungen Menschen nach seinen Fähigkeiten fördern. Gut, dass die Novellierung das ermöglicht – auch wenn das Abschlussproblem bleibt.

Und besser lernen kann man dort auch?
Es geht um das Fördern von Vielfalt und individuellen Fähigkeiten aller, das Mindern von Benachteiligung und das Verhindern von Scheitern – und nicht die Erfüllung einheitlicher Schulformnormen. Dabei lernen die Kinder, wie verschieden individuelle Voraussetzungen sind und wie man gemeinsam produktiv damit umgeht, Vorgehen gemeinsam plant und Entscheidungen trifft und Verantwortung für die gemeinsame Arbeit übernimmt. Das ist doch sicher keine schlechte Vorbereitung für die spätere Zusammenarbeit im Beruf und das Zusammenleben in der Gesellschaft.

Sie waren kürzlich mit bei einem großen Kongress in Frankfurt, bei dem Sie sich mit vielen anderen Akteuren einig waren, für die Schule für alle einzutreten. Was eint Sie?
Uns eint eine umfassende Auffassung von Inklusion: Alle gehören dazu, ohne separiert zu werden nach Beeinträchtigung, schulischer Leistungsfähigkeit oder sozialem Hintergrund. Alle lernen gemeinsam in einer Schule bis zum Ende der Schulpflicht – das ist unsere Vorstellung von der inklusiven Schule für die Demokratie. Dafür Mehrheiten in der Bevölkerung zu gewinnen, das ist unsere Selbstverpflichtung.

Der Widerstand gegen Inklusion speist sich gerade aus dieser Konsequenz: Wenn die Förderschulen aufgelöst würden, wenn die Kinder mit und ohne Förderbedarf grundsätzlich zusammen unterrichtet würden, dann wäre es auch schwieriger zu begründen, warum man dann noch mehrere getrennte Bildungswege braucht.
Ja genau. Ich habe über Jahrzehnte hinweg mit vielen Eltern über den Wechsel nach Klasse 4 gesprochen und dabei stets den Eindruck gehabt, dass es nie um das pädagogische Konzept geht, wenn man sein Kind aufs Gymnasium schickt. Es geht vor allem um ein Bedürfnis nach Abgrenzung. Kinder lernen in der Grundschule wunderbar gemeinsam und sind solidarisch, und dann entsteht dieser Druck, sich für einen Weg entscheiden zu müssen. Das beschädigt die kindliche Solidarität, überlagert die Freude am Lernen und bringt auch viele Eltern in große Not. Wir unterstützen die Eltern und geben jenen eine Stimme, die dafür eintreten, dass ihre Kinder weiter gemeinsam lernen.

Sie wollen mit der Gemeinschaftsschule der sozialen Spaltung entgegenwirken. Aber ist nicht die Gefahr groß, dass genau durch dieses Eintreten für die eine Schule für alle der Schulkampf gerade in Hessen wieder ausbricht, dass die Fronten aufeinanderprallen und es vorbei ist mit dem Schulfrieden?
Diese Gefahr ist natürlich da. Ich hoffe aber, dass wir endlich dazu kommen zu fragen, was mit den Menschen in unserem Schulsystem geschieht und welche Wirkung das für den Einzelnen wie die Gesellschaft hat. Ob man damit den Graben wirklich überwinden kann, weiß ich nicht. Aber ein Schulfrieden, wie Sie ihn gerade zitiert haben, dient ja vor allem dem Zweck, die Spaltung durch das Schulsystem auf Dauer aufrechtzuerhalten – wie wir ja auch am Beharren der CDU in Frankfurt auf einer schulformbezogenen Gesamtschule, einer KGS für Niederrad, gerade sehen können. Wer also macht hier die Front auf?

Interview: Peter Hanack

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Schulen in Frankfurt

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