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Schützen in Frankfurt Nur zu Pfingsten wollen Frankfurter schießen

Der Präzisionssport hat’s in der Großstadt schwer. Der Altersschnitt beim Schützenkorps ist hoch.

Frankfurter Schützenkorps Oberforsthaus
Die Fahne des Vereins ist handgemacht und kommt am Samstag zum Einsatz. Foto: peter-juelich.com

Der Verkehr tost beharrlich um die Hütte am Rande des Stadtwalds. Von den Autofahrern auf der Mörfelder Landstraße und der Isenburger Schneise unbemerkt, residiert hier seit vielen Jahrzehnten das Frankfurter Schützenkorps Oberforsthaus. Über den mit Bäumen bestandenen Parkplatz hinweg am kleinen Jägerzaun vorbei taucht der Besucher ein in urdeutsche Gemütlichkeit. Die holzgetäfelten Wände sind mit Pokalen und Urkunden verziert, auf den langen Tischreihen steht Salzgebäck, auf dem kleinen Tresen thront ein Eintracht-Osterhase. Nur das mechanische Ploppen im Nebenraum erinnert daran, dass es sich hier um kein ganz normales Vereinsheim handelt. Das Oberforsthaus ist eher ein Vereinsheim mit angeschlossenem Schießstand. Jeden Mittwoch treffen sich hier die Mitglieder zum Training mit der Luftpistole oder auch einfach nur zum Plausch.

An einem der Tische sitzt Peter Dick, er ist seit 33 Jahren im Verein und seit 29 Jahren im Vorstand des Schützenkorps Oberforsthaus. Der Präsident ist einer der alten Recken, die den Verein mit ihrem Engagement am Leben erhalten. 71 Mitglieder hat der Verein derzeit. Nach dem Altersdurchschnitt der Mitglieder befragt, stöhnt Dick leise: „Die Statistik gefällt mir gar nicht.“ Bei 61 Jahren liegt der Altersdurchschnitt derzeit. Wie viele in vielen anderen Vereinen haben auch die Schützen Nachwuchssorgen. Erschwert wird die Nachwuchsförderung dadurch, dass der Gesetzgeber das Sportschießen erst ab zwölf Jahren erlaubt. Aber viele Eltern hätten ohnehin ein Problem damit, ihre Kinder in einen Schützenverein zu lassen. Die negative Berichterstattung nach den Amokläufen an Schulen ist daran schuld. An den Schulen selbst sind die Schützen auch nicht gerne gesehen. „Die jagen uns fort“, sagt Dick. Früher hat der Verein speziell Schießen für die Niederräder Schüler und die Frankfurter Schüler organisiert. Das gibt es seit langem nicht mehr.

Doch der Verein bemüht sich, „den gesellschaftlichen Teil wieder etwas zu beleben“, wie Dick sagt. Das ist nicht einfach in einer Großstadt. „Hier gibt es an jeder Ecke eine Veranstaltung, die Leute sind satt.“ Zumal ein Schützenverein nicht viel Action bieten kann. Das Schießen mit Luftgewehr oder Pistole ist ein Präzisionssport, bei dem es um Ruhe, Konzentration, Ausgeglichenheit geht. „Das ist wie autogenes Training“, sagt Hans-Dieter Röhre, auch schon seit 40 Jahren Mitglied im Verein. Röhre ist gleichzeitig auch der Pressewart im Schützenkorps. Nach der Jahreshauptversammlung im Februar, zu der 24 Mitglieder erschienen waren, hat sich Röhre in der Vereinszeitung ein bisschen seinen Frust von der Seele geschrieben und im Verein „die gesellschaftlichen Defizite in Zeiten der sich wandelnden Gesamtgesellschaft weg von der handelnden Gemeinschaft hin zur selbstgestalteten, ichbezogenen und verantwortungsfreien Spaßgesellschaft“ angeprangert. Auch an diesem Mittwoch sind nur knapp zwei Dutzend Mitglieder erschienen.

Einmal im Jahr wird es richtig voll rund um das Oberforsthaus. An Pfingsten, wenn der Verein das Wäldchesschießen ausrichtet. Bis zu 1200 Leute wollen dann am Oberforsthaus schießen. Viele Menschen zeigen dann Interesse für den Präzisionssport, aber das hält nicht lange vor. „Wenn in fünf Jahren mal zwei hängenbleiben, ist das viel“, sagt Dick. Lars De Jager ist einer, der hängengeblieben ist. Er hat sich schon als Kind für das Kirmesschießen interessiert und später auch für Online-Ballerspiele. Um ihn vom Computer wegzulocken, sind seine Eltern mit ihm zum Oberforsthaus gegangen. „Mich reizt das Ergebnis und der sportliche Vergleich“, sagt der 22-Jährige, der einer der jüngsten im Verein ist.

Zum Schützentag kommt wieder etwas Bewegung in den Verein, der nicht zu den größten der 28 Frankfurter Schützenvereine gehört, aber zu den traditionsreichsten. Beim Umzug am Samstag wird die Vereinsfahne im dunklen Schützengrün aus der Vitrine geholt, und wer noch eine Vereinsjacke hat, die ihm passt, soll doch bitte am Festzug teilnehmen, hat Präsident Dick gebeten. Im verkehrsumtosten Oberforsthaus wird am Wochenende niemand sein.

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